"Musik ohne Tanz ist nur Krach" – Interview mit Niamh Ní Charra

1. Oktober 2010 | Von | Kategorie: Musik

Im Südwesten der grünen Insel liegen die grünen Hügel von Kerry, dazwischen die Stadt Killarney. Hier lernte eine der bekanntesten Musikerinnen Irlands die Fiddel und die Concertina zu spielen. So virtuos beherrschte das junge Mädchen seine beiden Instrumente, dass sie sich mit beiden den Titel eines “All-Ireland-Champion” verdiente. Alleine acht Jahre zog sie als Sologeigerin mit der Riverdance-Show durch die Welt. In diesem Herbst tourt Niamh Ní Charra mit dem Irish Folk Festival durch Deutschland und stellt ihre neue CD “Happy Out” vor. Bei Gaelnet Irish News gibt Niamh Einblick in ihre musikalische Welt:

Gaelnet Irish News: Niamh, wenn man Dich auf dem Handy anruft, hört man zunächst Deine Ansage auf Gälisch und man versteht als Ausländer kein Wort. Dann gibt es aber auch noch die englische Übersetzung. Genau so ist es mit Deinem neuen Album. Warum?

Niamh Ní Charra: Ja, das mag einem Ausländer etwas seltsam vorkommen, genauso wie es seltsam wäre, wenn ich bei einem Anruf in Frankreich eine englische Ansage erwarten würde. Aber es käme mir auch seltsam vor, eben keine zweisprachige Ansage auf meinem Handy zu haben. Ausländer vergessen immer wieder, dass Irland ein zweisprachiges Land ist – Ihr könnt das an den Straßenschildern sehen – und für einen kleinen Teil der Bevölkerung ist Irisch die Muttersprache. Die Gaeltacht-Gebiete, in denen Irisch als erste Sprache gesprochen wird, liegen vor allem entlang der Westküste und drei solche Gebiete liegen weniger als 30 Minuten von meinem Geburtsort entfernt. I wuchs mit diesen beiden Sprachen auf.

Vom Blickpunkt meines Albums ist das aber nicht die einzige Verbindung. Die irische Sprache ist unauflöslich mit unserer traditionellen Musik verknüpft. Auf meinem Album beispielsweise singe ich drei Lieder, zwei davon auf Irisch. Diese auf Englisch zu singen, ergäbe keinen Sinn. Anders als Pop oder Klassik ist Folkmusik verknüpft mit der Sprache und der Kultur eines Ortes, weshalb die Sprache nicht vergessen werden darf. Um wirklich ein Vertreter der irischen Musik zu sein muss man meiner Meinung nach zumindest ein bißchen die Wichtigkeit unserer Volkssprache, die ja immerhin eine der ältesten Europas, ja sogar älter als Latein ist, verstehen und akzeptieren.

Gaelnet: Du singst, Du spielst Fiddle und auch Concertina. Wenn Du ein neues Stück lernst, wie entscheidest Du, ob Du das Stück auf der Fiddle oder auf der Concertina spielen wirst?

Niamh: Grundsätzlich würde ich ein Stück auf beiden Instrumenten lernen, aber oft sagt mir die Schwingung einer Melodie oder mein “eingebautes” Gefühl, welches Ich benutzen sollte. So spiele ich zum Beispiel Reels im Allgemeinen lieber auf der Fiddel und Hornpipes lieber auf der Concertina. Mein Stil und meine Stimmung sind von Instrument zu Instrument verschieden. Auf der Concertina habe ich einen eher sanften, feineren Stil wogegen die Fiddel pures Feuer ist. Andererseits kann ich sehr feurige Polkas auf der Concertina spielen und genauso leicht ein sanftes Lamento auf der Fiddel.

Gaelnet: Du spielst dich auf „Happy Out“ ganz schön querbeet durch verschiedene Stile und Länder. Da ist zunächst irisch-traditionelle Musik, aber auch ein Walzer aus Böhmen, ein Stück aus Galizien, der Bretagne oder Cape Breton in Kanada. Wie kommt es zu einer so breiten Auswahl?

Niamh: Dafür gibt es zwei Gründe: Einmal habe ich als professionelle Musikerin 15 Jahre auf Reisen rund um die Welt verbracht und diese Stücke auf dem Weg eingesammelt. Folkmusik hat auf der ganzen Welt eines gemeinsam – es ist die Musik des Volkes, der Menschen. Wenn Du also in einer anderen Tradition eine schöne Melodie findest, kann Dich diese ebenso ergreifen, wie eine von zu Hause.

Zum zweiten ist die Musik mit den Emigranten selbst über hunderte Jahre hinweg gereist. Einige Stücke auf meinem Album kamen im 18./19. Jahrhundert mit den Emigranten nach Amerika und überlebten in ihrem neuen Land, während sie zu Hause vergessen wurden. Oder es wurden Stücke von den Emigranten in ihrer neuen Heimat komponiert und wären nie zu Hause gehört worden. Dennoch sind diese Stücke ein wesentlicher Teil der Tradition.

Gaelnet: Du spielst seit drei Jahren auch in der Carlos Núñez Band und hast mit dem baskischen Musiker Ibon Koteron ein Duo. Du bist also viel in Spanien und auch sonst in der Welt unterwegs. Wie hat das Deine musikalischen Horizonte verändert bzw. erweitert?

Niamh: Wie schon gesagt, Folkmusik ist auf der ganzen Welt die Musik des Volkes. Sie hat ein Leben und eine Energie, die für den jeweiligen Ort einzigartig ist. Als Musikerin, die die Welt bereist, macht mir nichts mehr Spass als solche Stücke anzuhören, oder wenn Du so willst “musikalische Erinnerungen” zu sammeln. Ich denke, das erweitert nicht nur Dein Repertoire sondern setzt auch Deine eigenen Stücke in einen wichtigen und weiteren Kontext und du schötzt die Tradition dahinter noch mehr.

Gaelnet: Dein Onkel Patrick war schon vor über 30 Jahren beim Irish Folk Festival dabei und Du bist quasi die zweite Generation Eurer Familie die an dieser Tour teilnimmt. Wie fühlt sich das an?

Niamh: Wow, was für eine Ehre. Traditionelle irische Musik ist so eine auditive und mündliche Tradition. Dass sie von Generation zu Generation weitergegeben wird ist fantastisch, aber wenn sie innerhalb einer Familie weitergereicht wird, ist das etwas Besonderes! Bei mir spielten nicht nur mein Vater und mein Onkel, meine Großmutter sang überwiegend auf Irisch und das sind die Lieder, die ich heute singe. Aber die irische Musik hat auch eine Tradition des Reisens, ebenso wie die Menschen. Diese Reise ist also Teil unserer Kultur. Wenn ich also bei einem Festival im Ausland spiele, bei dem mein Onkel, der übrigens vor zwei Jahren gestorben ist, was das Ganze noch Besonderer macht, gespielt hat, dann ist das wirklich ein Privileg. Es ist als ob die Geister der von uns gegangenen Musiker immer noch bei uns wären.

Gaelnet: Was unterscheidet denn für Dich Konzerte in Irland von Konzerten in Deutschland?

Niamh: Ich denke für mich basieren Konzerte in Irland überwiegend auf der Musik, sond also eher instrumental. Konzerte in Deutschland sind mehr auf den Gesang ausgerichtet. Aber da wo ich herkomme, ist der Tanz das Wichtigste. Es ist Teil unseres sozialen “Gewebes”. Es gibt im Irischen die Redewendung “Ceol gan damhsa, níl ann ach glór” was soviel bedeutet wie “Musik ohne Tanz ist nur Lärm”!! Du siehst also, bei unseren Konzerten zu Hause geht es vor allem um Tanzmusik. Die gesungenen Lieder sind nur dazu da, den Musikern und Tänzern eine Verschnaufpause zu gönnen.

Gaelnet: Was gefällt Dir an Deutschland besonders gut?

Niamh: Die Deutschen haben viel Verständnisn und Wertschätzung für Traditionen. Ich kann in Deutschland ein Lied auf Irisch singen und auch wenn sie das Lied nicht verstehen, werden sie die grundlegende Botschaft empfangen und sie schätzen die Tradition und Geschichte des Liedes. Sie verstehen, dass die Sprache und die beschriebenen Gefühle hunderte, wenn nicht schon tausende Jahre alt sind. In der englischsprachigen Welt, also zum Beispiel England oder Amerika gibt es diese Wertschätzung nicht. Menschen in englischsprachigen Ländern – vor allem dort, wo Englisch die einzige gesprochene Sprache ist – sind die Menschen oft verwöhnt und machen sich gar nicht die Mühe Lieder in anderen Sprachen zu verstehen. In Deutschland, wo man es gewohnt ist, anderen Sprachen zuzuhören, wissen die Menschen die Lieder eher zu würdigen.

Gaelnet: Vielen Dank für das Interview und viel Spaß auf der Tournee und natürlich viel Erfolg mit deinem neuen Album!

Niamh: Es war mir ein Vergnügen, vielen Dank. Tschüss!

Hier noch ein musikalischer Leckerbissen von Niamh Ní Charra…

Links:
Website von Niamh Ní Charra
Website des Irish Folk Festival (mit Tourdaten)

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