Abtreibungsurteil: Viel Lärm um Nichts?

20. Dezember 2010 | Von | Kategorie: Kommentiert

Als Europäer blickt man fast ein wenig ungläubig auf die kleine grüne Insel, die sich durch ein Urteil eines Straßburger Gerichts zum Thema Schwangerschaftsabbruch plötzlich in wildem Aufruhr befindet. Vergessen ist die Wirtschaftskrise, Abtreibung ist das Thema des Tages. Eigentlich war Abtreibung schon immer ein Thema in Irland – nur erlaubt war und ist sie nicht und wird sie auch nicht sein.

Statements zur Abtreibung gehören schon immer zur selbst ernannten Kernkompetenz der katholischen Kirche, deren irischer Primas Kardinal Brady auch eiligst eine Stellungnahme herausgab. “Der Staat müsse keine Abtreibungsgesetze beschließen” ließ der Kardinal verlauten und “Jede direkte Zerstörung menschlichen Lebens kann niemals gerechtfertigt werden.”

An die Seite des Bischofs gesellte sich alsbald “Youth Defence” eine der Organisationen der Abtreibungsgegner. Die geißelten den Straßburger Richterspruch als “aufdringlichen Versuch Irlands Pro-Leben-Gesetze zu verletzen” und “das irische Abtreibungsverbot zu kippen”.

Kann man dem Bischof noch zu Gute halten, dass der Inhalt seines Statements qua Amt so lauten musste, so muss man den weltlichen Agitatoren von Youth Defence doch vorwerfen, offene Türen in Straßburg einzurennen. Der Schluss liegt also nahe, dass keiner der Funktionäre, die hier Gift und Galle spucken, das Urteil wirklich gelesen geschweige denn verstanden hat. Denn die Straßburger Richter sind weit davon, das in der irischen Verfassung in Artikel 40.3 verankerte Abtreibungsverbot zu kippen – im Gegenteil, sie haben es sogar bestätigt. Viel Lärm um Nichts also?

Nicht ganz. Angemahnt wurde nämlich die Überführung des erwähnten Verfassungsartikels in geltendes Recht, so dass in Fällen, in denen Lebensgefahr für die Mutter besteht , ein Arzt auch in Irland einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen darf. Denn laut Verfassung gilt der Schutz des ungeborenen Lebens nur “with due regard to the equal right to life of the mother” und “as far as practicable”, sprich im Zweifelsfalle geht das Leben der Mutter vor.

Das alles steht schon jetzt so in der Verfassung nur trauen sich irische Ärzte selbst in solchen Fällen nicht, den Abbruch vorzunehmen, aus Angst vor den Konsequenzen, die aus der fehlenden rechtlichen Regelung rühren könnten. Ein unhaltbarer Zustand, dem endlich abgeholfen werden muss. Es gibt tatsächlich Fälle, in denen eine Reise nach England eben keine Alternative darstellt. Die irische Regierung steht jetzt in der Pflicht die entsprechenden Gesetze auf den Weg zu bringen.

Achja, Eure Eminenz, wie war das nochmal? “Jede direkte Zerstörung menschlichen Lebens kann niemals gerechtfertigt werden”, so sagten sie doch? Wenn einer Frau in einer lebensbedrohlichen Situation – etwa nach einem Autounfall – die Abtreibung verweigert wird und sie als Konsequenz daraus stirbt, ist das dann keine “direkte Zerstörung menschlichen Lebens”, kann ein solcher Tod etwa aus Kirchensicht eher gerechtfertigt werden als eine medizinisch indizierte Abtreibung?

Kommentiert von Thomas Brütting.

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