München ist grün und wir sind mittendrin

14. März 2011 | Von | Kategorie: In aller Welt, Kultur

Jedes Jahr am Sonntag vor St. Patrick’s Day verwandelt sich München in eine irische Stadt. Die zweitgrößte St. Patrick’s Parade Europas zieht von der Münchener Freiheit zum Odeonsplatz, wo mehrere tausend Menschen gemeinsam bei Musik und Tanz den irischen Nationalfeiertag begehen.
 
Die Gaelnet-Redaktion hat die Parade besucht und ihre Erlebnisse in einer Reportage zusammengestellt: Ein Tag in Bayrisch-Ireland in aller Kürze.

Sonntagmorgen, Hauptbahnhof Augsburg. Vor dem Haupteingang steht der Barkeeper eines Augsburger Irish Pubs. Unter seiner Jacke trägt er gut sichtbar ein Trikot des schottischen Fußballvereins Celtic Glasgow, verschlafen blickt er über den Bahnhofsvorplatz. Im gut besetzten Bummelzug nach München wundern sich zwei Teenie-Mädchen bei den ersten Zwischenhalten über die Kleidung ihrer Mitreisenden. “Da steigen lauter Leute mit grünen T-Shirts und grün-weiß-orangen Fahnen ein. Ist heute in München irgendwas?” tuscheln sie und blicken sich fragend um. Ein Mitreisender klärt die beiden Mädel auf. “Saint Patrick’s Day!”

St. Patrick’s Day, genau genommen die vorweggenommene St. Patrick’s Day Parade, ist auch unser Ziel an diesem Sonntagmorgen. Von der Münchener Freiheit zum Odeonsplatz schlängelt sich jedes Jahr am Sonntag vor dem irischen Nationalfeiertag ein bunter Gaudiwurm aus irischen, schottischen, englischen und deutschen Bands und Vereinen bevor am Ziel eine große Party unter offenem Himmel steigt.

Am Bahnhof angekommen gibt’s noch eine kleine Wegzehrung am Süßigkeitenstand. Saure Gummibärchen sollen es sein, denn sauer macht ja bekanntlich lustig und lustig kann bei einer Party ja nie schaden. Seltsam, irgendwie… auch die Gummibärchen scheinen schon ganz eindeutig auf den irischen Nationalfeiertag gepolt zu sein.

Wir merken schon in der U-Bahn, dass heute irgendetwas in München anders ist. In der U5 sitzen Menschen mit geschminkten Kleeblättern auf der Wange, grün-weiß-orangene Perücken sind ebenso zu sehen wie die eine oder andere Flagge. Die Rolltreppe baggert uns wieder an die Oberfläche und schon während der Fahrt ans Tageslicht lachen uns grüne Zylinderhüte mit der Aufschrift DER Brauerei entgegen.

Auf beiden Seiten der Ludwigstraße stehen bereits mehrere hundert Zuschauer, viele sind eindeutig als hibernophiles Publikum zu identifizieren, sei es nun durch entsprechende Kleidungsstücke, Fahnen oder Gesichtsbemalung oder einfach durch das schwarze alkoholhaltige Getränk, das sie aus Plastikbechern zu sich nehmen.

Vor Feldherrnhalle und Theatinerkirche tobt schon die Party und all diejenigen, die befürchten, während des Vorbeizugs der Parade zu verhungern oder – noch schlimmer – zu verdursten, versorgen sich hier. Für die Puristen, die Genießer des wahren Irlands, die sich nicht mit sanften Drogen wie Kilkenny, Cider oder – shocking – gar Limonade oder Mineralwasser abgeben wollen, bieten die Getränkestände die “Guinness Express Bars” an. Hier geht es schnell, harte Währung gegen pausenlos gezapftes, schwarzes Porter aus der Brauerei am St. James’ Gate. An Irishman’s heaven!

St. Patrick führt die Münchner Parade an.

Wir postieren uns am Straßenrand um auch einen guten Blick und eine gute Fotoposition zu haben. Mit einer Guinness-Anstecknadel funktioniere ich meine mitgebrachte Galway-Flagge zu einem Patrick’s Day-würdigen Umhang um, während ich zwei leuchtwestenbewehrte Helfer beobachte, die verzweifelt versuchen, ein Knäuel verknotetes Flatterband aufzudröseln und daraus eine passable Absperrung zu basteln.

Irgendwann sind die Bänder gespannt, die große Zahl der Knoten deutet darauf hin, dass nicht nur die Zuschauer sondern auch das Flatterband zu den Paraden-Veteranen gehören.

Aus Richtung der Universität dröhnen Trommeln die Ludwigstraße herunter, immer mehr Zuschauer drängen an den Straßenrand. Mittlerweile sind beide Straßenränder dicht gesäumt, ein Spalier grüner Guinnesshüte, die sich allenfalls durch die aufgedruckte Jahreszahl unterscheiden, harrt der Dinge die da kommen. Als allererstes kommt die Polizei – selten passt ein grüner Streifenwagen besser ins Ambiente einer Veranstaltung – dahinter folgt der heilige Patrick im grün-goldenen Ornat flankiert von einem treuherzig dreinblickenden Irish Wolfhound.

Aber eigentlich wollte ich ja live über die Gaelnet-Facebook-Seite berichten. Ich zücke das iPhone und von nun an klickt der Soundgenerator des iPhone-Kameraauslösers im 30-Sekunden-Takt. Aufnehmen, hochladen, neues Motiv ins Visier nehmen und wieder von vorne. Tanzschule Tir na n’Og, klick – Claymore Pipes and Drums, klick, Bolivianische Tanzgruppe, klick. Insgesamt ziehen so fast 40 Gruppen an uns vorbei, von barbarisch aussehenden Highlandern über farbenfrohe Peruaner hin zu fröhlich tanzenden, überdimensionalen Guinnessgläsern und Marketingschafen der irischen Tourismusförderung, und alle werden sie mit Beifall bedacht.

Fast eine Stunde dauert das Defillee der mehreren hundert Teilnehmer, die gegen Ende der Parade von den nachströmenden Zuschauern überholt werden. Kurz nach eins ist der Odeonsplatz brechend voll, alle wollen die Segnung des Shamrocks durch den heiligen Patrick miterleben und spätestens jetzt fließt das schwarze Gold der grünen Insel in Strömen. Duftschwaden wabern über die Menge, der Geruch von gebratenem Fisch vermischt sich mit den Aromen von Steaksemmeln und Gyros, während auf der Bühne Frank McLynn in seiner Funktion als Grand Marshal der Parade das Kommando übernimmt.

Wir drücken uns von hinten immer weiter durch die Reihen nach vorne, schließlich wollen wir auch die Bühnenevents nicht nur schemenhaft aus der Entfernung erahnen. Links vorbei an einer rothaarigen Schönen mit angeklebten Elfenohren, zwischen einen Pärchen mit wackelnden, grünen Kleeblattfühlern auf den Kopf hindurch und dann quetschen wir uns noch an dem stämmigen Jüngling mit der irischen Trikolore auf den Wangen vorbei.

Stilvoll geschmückt feiern diese sechs den St. Patrick's Day - und Shaun das Schaf ist auch dabei.

Dann stehen wir rund acht Meter vor der Bühne, auf der gerade der irische Botschafter Dan Mulhall auf deutsch, englisch und irisch in warmen Worten München als Hauptstadt der deutschen Exiliren preist und Münchens grüner Bürgermeister Hep Monatzeder sich freut, wenigstens einmal verkünden zu dürfen “München ist grün!” Ihnen folgt der “zicke-zacke-zicke-zacke-hoi-hoi-hoi”-Motivationstrainer und Honorarkonsul der grünen Insel Dr. Erich Lejeune, der die fröhliche Party vor der Feldherrnhalle spontan unter das Motto “Irish-Bayrisch” stellt.

Das musikalische Programm eröffnet die Paul Daly Band mit zwei selbstkomponierten Weisen, die sich mit der Guinnessbrauerei und dem St. Patrick’s Day in München befassen – Irland, Bier, München, man ahnt es schon, der Gerstensaft als missing link von Bajuwaren und Iren. Die Lieder haben Pep und die Menschenmenge wippt und klatscht einträchtig mit.

Dann kommt ER. Er, von dessen Ruhm das Grand Prix-Land Irland bis heute zehrt. Er, der den Schnulzenwettbewerb schon dreimal gewonnen hat. Er, der auch im zarten Alter von 57 Jahren mit einer Stimme begeistert, für die so mancher DSDS-Dilettant beide Arme geben würde. Und wie er kommt. What’s another year und Whiskey in the Jar, Hold me now und She moved through the fair – das volle Programm. Logan und Folk im Wechsel, die Mischung geht auf und Iren und Möchtegern-Iren singen wie ein großer Chor die Refrains mit, die Kehlen von schwarzem Gerstensaft bestens geölt.

Pop-Dino Johnny Logan begeistert Jung und Alt auf dem Odeonsplatz

Póg mo thóin, dieser jung gebliebene Fast-Senior bräuchte eigentlich keine Boxen, die Stimme trägt auch so. Wahnsinn. Als Logan die Bühne räumt, ist Platz für die Jugend und die will tanzen. “Rince Tir Na nOg” heißt die Tanzschule die mit ihren Eleven einen Hauch von Riverdance auf den Odeonsplatz zaubert.

Unterdessen habe ich ein Ziel – ich will mit Johnny Logan sprechen, ihm ein paar Worte zum St. Patrick’s Day im Allgemeinen und zum Grand Prix im Besonderen entlocken. Ich arbeite mich langsam aus dem Gedränge hin zur Seite des Odeonplatzes. Im VIP-Zelt neben der Bühne steht ER, umlagert von holder Weiblichkeit. Mich trennen drei Meter Luftlinie, ein Absperrgitter und ein bärbeißiger Security-Mitarbeiter von J.Lo., wie er sich selber scherzhaft nennt.

“Du kummst hier net rein” ist in etwa die Message, die ich vom “Knopf-im-Ohr”-Mann erhalte. Meine Bitte, das an der Schulterklappe festgehakte WalkieTalkie auch einmal zum Zwecke der Kommunikation einzusetzen wird ebenfalls negativ beschieden. Was tun, spricht Zeus? Auf der anderen Seite der Bühne und damit unerreichbar weit weg sehe ich Frank McLynn, seines Zeichens Grand Marshal der Parade und Gaelnet-Leser, wie ich weiß. Vor der Bühne die Seite zu wechseln ist aussichtslos, also hintenrum. Ich jogge los, eine kleine Einkaufspassage bietet mir eine Abkürzung. Als ich am anderen Ende der Bühne ankomme, verschwindet der Marshal genau dort, wo eben auch ein Marshall zu Fuß hingeht – im Dixi!

Als er schließlich erleichtert ist, bin ich es auch, denn er erspäht mich, wie ich winkend hinter der Absperrung stehe. Ein kurzer Small-Talk, ich schildere mein Anliegen und ehe ich mich versehe marschiere ich hinter dem Marshal ins VIP-Zelt. Er stellt uns vor und dann bin ich mit Mr Logan alleine. Sympathischer Kerl, und sehr professionell. Wir arbeiten meine paar Fragen ab, plaudern noch ein wenig “off records”.

Johnny Logan und Bruder Michael geben neben Grand Marshal FrankMcLynn die Leprechauns

Zum Schluss bitte ich ihn um ein paar Autogramme für seine und unsere Fans. Er schreibt, ich fotografiere, wir geben uns die Hand. “Take care” und “Bye bye” und im Hinausgehen kann ich mir ein breites Grinsen für den Security-Mann nicht verkneifen.

Mittlerweile sind wir seit fast vier Stunden im Patrick’s-Fieber und so langsam beschleicht den Magen ein gar hohles Gefühl. Zu unserem Glück hat inzwischen auch ein Teil der feiernden Horden bereits den Heimweg angetreten, so dass man den Platz relativ zügig überqueren kann, was hilfreich ist, da die Verpflegungsstationen wiederum auf der gegenüberliegenden Platzseite liegen. Die Fischbrötchen sehen appetitlich aus, wenn ich jetzt nur was für Fisch übrig hätte. Ich entscheide mich für Reiberdatschi mit Preiselbeeren und hoffe inständig, dass ich nicht die bekomme, die an der Rückseite der Bude schon fettglänzend in einer Ablage liegen. Andererseits, irgendwann müssen die halt auch mal weg und wenn schon einer so doof ist, am Fischstand Reibrdatschi zu kaufen, dann geschieht es ihm Recht.

Unser Essen in der Hand schlendern wir unter den Klängen von Maguire & Paterson langsam in Richtung U-Bahnhof. Aus dem Papierkorb neben der Rolltreppe quellen Plastikbecher, in denen noch Reste von Guinness vor sich hin schwappen. Die Party geht noch bis in den Abend weiter, aber wir fahren mit der U4 von Irland zurück nach Deutschland.

Bildnachweis: Gaelnet.de (alle)

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