Vor 30 Jahren – Irland sagt “Bye bye Nuke”

31. März 2011 | Von | Kategorie: Geschichte, Umwelt, Wexford, Wirtschaft, Wissenschaft

In einer Zeit, in der die ganze Welt sorgenvoll auf drei geborstene Atomreaktoren im fernen Japan blickt, schauen die Iren vor allem über die irische See zu den nur wenige Meilen entfernten britischen Atomkraftwerken,

Logo des Nuclear Energy Boards

aber insbesondere zum Nuklearkomplex von Sellafield, einer Anlage in der sich bereits in den 50er Jahren ein schwerer Störfall ereignet hat. Auch wenn Irland heute ein atomkraftfreies Land ist, so erinnert man sich in diesem Tagen daran, dass auch die irische Regierung ihre Hände einst gierig nach der Atomkraft ausstreckte…. und vom eigenen Volke kräftig eins auf die Finger geklopft bekam. Vor genau 30 Jahren verabschiedete sich Irland endgültig von der Kernenergie.

Es ist das südöstlichste Eckchen Irlands. Dahinter kommt erst das Meer und dann irgendwann einmal Frankreich. Carnsore Point nennt sich der Landvorsprung mit felsiger Küste, der zu beiden Seiten von hellen Sandstränden gesäumt wird. Heute drehen sich hier vierzehn Windturbinen und erzeugen Strom im Dienste des irischen Electricity Supply Boards (ESB). Doch ursprünglich hatte das ESB andere Pläne mit dem Carnsore Point. Hier sollte das erste irische Atomkraftwerk entstehen.

Erstmals bewegten nukleare Überlegungen in den ausgehenden 1960er Jahren die für die Energieversorgung Verantwortlichen in Irland. Die Wirtschaft wuchs und bedurfte immer mehr Energie. Zunächst entstand das Turlough Hill Pumpspeicherkraftwerk in den Wicklow Mountains mit einer Leistung von 292 Megawatt und auch die Ausbeutung des Kinsale-Gasfelds bremsten die Ambitionen nach einem eigenen Reaktor.

Während der Energiekrise von 1973 wurden die Planungen für den irischen Eintritt ins nukleare Zeitalter dann wieder konkreter. Erst rief der irische Staat das Nuclear Energy Board (Logo oben) als zuständige Aufsichtsbehörde ins Leben, dann beantragte das ESB 1974 beim Wexford County Council eine Baugenehmigung für vier Druckwasserreaktoren am Carnsore Point. Einer sollte sofort errichtet werden, die anderen Blöcke sollten folgen.

Die gesamtwirtschaftliche Situation bedingte es, dass das Vorhaben noch eine Weile in der Schublade ruhte. 1977 schließlich stand Carnsore Point wieder ganz oben auf der Tagesordnung und nun sollten den Plänen auch Taten folgen. 650 Megawatt Leistung sollte der erste Reaktor haben, doch dann bekam die irische Regierung eine Leistung ganz anderer Art zu spüren.

Binnen kürzester Zeit schossen im ganzen Land Bürgerinitiativen aus dem Boden, denn ganz offensichtlich sahen die Bürger einen Einstieg in die Kernenergie nicht als den Segen, als den die politische Führung das Projekt zu präsentieren suchte. 48 Anti-AKW-Gruppen entstanden landesweit, alleine in Dublin formierten sich 16 Initiativen. Mit Flugblättern, Infobriefen, Protestmärschen und Mahnwachen vor ESB-Niederlassungen mobiliserten die Gruppen eine Protestbewegung, die auf eine breite Basis in der Bevölkerung bauen konnte.

Wo sich heute Windräder drehen, sollten vor 30 Jahren vier Kernreaktoren entstehen.

Die Protestbewegung gipfelte in einer Reihe von Konzert-Festivals in Carnsore bei dem tausende auf dem Areal campten, sich in Diskussionen und Workshops einbrachten und Künstlern von Christy Moore und Chris de Burgh lauschten. Zu einem Symbol des Widerstands wurde das von Jim Whelan komponierte und von Moore vorgetragene Lied “The House down in Carne”.

Im Text des Liedes heißt es unter anderem “My name is Nuke Power, a terror am I, I can cause such destruction on land, sea or sky. Your Minister tells you I’ll do you no harm, If he locks me up in that house down in Carne.” Auch die spätere Grünen-Mitgründerin Petra Kelly engagierte sich mit einer Protestrede auf einem der Festivals gegen die Reaktoren in Carnsore.

Spätestens nach den Konzerten konnte die öffentliche Meinungnicht mehr ignoriert werden. Ungewollten Schützenhilfe lieferte zudem die partielle Kernschmelze im Kernkraftwerk von Harrisburg in den USA im Jahr 1979. Zwar wollte man von Regierungsseite noch immer nicht von dem Prestigeprojekt lassen, doch das Meinungsbild in Irland ließ de factor eine Umsetzung des Projekts in unendliche Weiten rücken, so dass die Regierung und das ESB das Vorhaben 1981 endgültig begruben.

Für die extra gegründete Atombehörde, das Nuclear Energy Board, wurde das Projektende zum Damaskuserlebnis. Statt fürderhin Atomenergie zu befürworten fand das Amt nun seine Rolle genau entgegengesetzt im Strahlenschutz. 1992 richtete die irische Regierung das Radiological Protection Institute of Ireland als Nachfolgebehörde für das Nuclear Energy Board ein. Bis heute schwelt die Diskussion um die Kernernergie jedoch weiter, ein Blick in diverse Online-Foren verrät, dass es immer noch Befürworter für ein atomares Irland gibt.

Und was geschah am Carnsore Point? Nun dort produziert das ESB heute tatsächlich Energie, allerdings umweltverträglich und wesentlich gefahrloser. 14 große Windräder drehen sich nahezu ohne Unterlass an der Südostspitze Irlands und sind, bei aller Kritik an der Zerspargelung der ein angenehmerer und beruhigenderer Anblick bei der Fähranreise ins nahe Rosslare, als das ein Kernkraftwerk mit vier Blöcken sein könnte.

Quellen: u.a. diverse Artikel der wikipedia, http://flag.blackened.net/revolt/wsm/talks/carnsore2002.html, Electricity Supply Board und persönliche Berichte.
Link: Ein literarischer Rückblick auf die Carnsore-Festivals
Bildnachweis: wikipedia, esbi.ie

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