Heute vor 30 Jahren: Bobby Sands stirbt nach Hungerstreik

5. Mai 2011 | Von | Kategorie: Geschichte, Heute vor..., Nordirland, Politik

Kaum ein Kämpfer im nordirischen Bürgerkrieg erreichte eine solche Prominenz wie Robert Gerard Sands, besser bekannt als “Bobby Sands”. Er machte Geschichte, als er in einer Nachwahl für Fermanagh und South Tyrone als als Häftling im Hochsicherheitsgefängnis Long Kesh zum jüngsten MP des britischen Unterhause gewählt wurde – knapp einen Monat vor seinem Tod infolge eines von ihm mitinitiierten Hungerstreiks republikanischer Gefangener.

Wenn man herausfinden will, wie junge Menschen den Weg in paramilitärische Terrororganisationen finden, könnte man das Leben des Bobby Sands durchaus als exemplarisch herausgreifen. Geboren als Kind katholischer Eltern in Newtownabbey im County Antrim musste er schon als Kind und Heranwachsender zweimal erleben, wie seine Familie zu einem Wohnsitzwechsel gezwungen wurde. Seine Lehre als Karroseriebauer musste er beenden, als er von Loyalisten mit vorgehaltener Waffe aus dem Lehrbetrieb gejagt wurde.

Glorifizierendes Wandbildnis von Bobby Sands

1972 trat Sands, so die offiziellen Quellen, der IRA bei und wurde schon im Oktober desselben Jahres wegen des Besitzes von vier Handfeuerwaffen verhaftet und im April 1973 zu 5 Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Entlassung kehrte er nach West Belfast zurück und nahm auch den aktiven Dienst in der IRA wieder auf.

Nach einem Feuergefecht der IRA mit der Royal Ulster Constabulary, dem Vorgänger des heutigen PSNI, wurde Sands zusammen mit mehreren IRA-Aktivisten aus einem Auto heraus verhaftet. In dem Auto wurde eine Waffe gefunden, die bei den Schüssen auf die Beamten verwendet worden war. Zwar konnte Sands keine Beteiligung an der Schießerei nachgewiesen werden, der Besitz der Tatwaffe brachte ihm jedoch 1977 eine weitere Verurteilung zu 14 Jahren Haft im Maze Prison ein.

1980 wurde Sands, der aus dem Gefängnis heraus unter einem Pseudony Artikel für die repulikanische Zeitung An Phoblacht verfasste, Gedichte und Lieder schrieb, zum Führungsoffizier der IRA-Gefangenen im Maze gewählt. In dieser Eigenschaft versuchte Sands, den irisch-republikanischen Gefangenen den von den Briten aberkannten Status “politischer Gefangener” wieder zu erlangen.

In einer Reihe von Protesten weigerten sich die Gefangenen Gefängniskleidung zu tragen und hüllten sich stattdessen in Wolldecken, hörten auf sich zu waschen und beschmierten ihre Zellen mit Exkrementen – ohne Erfolg. Im März 1981 startete Bobby Sands einen Hungerstreik, dem in Intervallen weitere Gefangene beitraten, um fünf zentrale Forderungen durchzusetzen.

Sie forderten das Recht ein, keine Gefängniskleidung tragen zu müssen, nicht zur Arbeit herangezogen zu werden, das Recht auf freie Versammlung mit anderen Gefangenen sowie die Organisation von Bildungs- und Freizeitveranstaltungen, das Recht auf einen Besuch, einen Brief und ein Paket pro Woche sowie die volle Wiederherstellung des durch die Proteste verwirkten Straferlasses.

Noch während des Hungerstreiks wurde Bobby Sands als Kandidat für die Unterhaus-Nachwahl in Fermanagh und South Tyrone aufgestellt, nachdem der Sitzinhaber unerwartet verstorben war. Sands gewann die Wahl am 9. April 1981 mit knapp 600 Stimmen Vorsprung vor dem Kandidaten der Ulster Unionists und wurde so zum jüngsten Unterhaus-Abgeordneten. Die für die britische Regierung peinliche Wahl hatte ein eiligst verabschiedetes Gesetz zur Folge, nachdem Gefangene mit einer Haftstrafe von über einem Jahr nicht zu Parlamentswahlen aufgestellt werden dürfen, um weitere IRA-Parlamentarier zu verhindern.

Sands selbst konnte seinen Triumph nicht lange auskosten. Nur einen Monat später, am 5. Mai 1981 starb Bobby Sands nach 66 Tagen Hungerstreik an dessen Folgen.

Christy Moore, der unter anderem die von Sands geschriebenen Lieder “Back Home in Derry” und “McIlhatton” vertont hatte, widmete Sands selbst ein Lied, in dessen Refrain es heißt:

He was a poet and a soldier, he died courageously.
And we gave him thirty thousand votes while in captivity

Terrorist oder Freiheitskämpfer – die Beurteilung hängt auch immer mit der Perspektive zusammen. Das Problem für uns, die wir in der histroischen Nachschau auf die Protagonisten einer solchen Epoche zurückschauen, ist, dass wir nie wissen können, wie sich die Geschichte ohne sie entwickelt hätte. Haben Sands und seine Kameraden aus der IRA den heutigen Friedensprozess “herbeigebombt” oder haben sie eine friedliche Einigung viel zu lange verhindert? Wäre die Diskriminierung der nordirischen Katholiken auf friedlichem Wege überwunden worden oder wäre die Situation irgendwann untragbar geworden?

Man kann nur spekulieren. Eines weiß man jedoch. Sands Familie hält nichts vom Friedensprozess und dem Karfreitagsabkommen. Bobbys Schwester Bernadette Sands McKevitt unterstützt das “32 County Sovereignty Movement”, das als politischer Arm der Real IRA gilt.

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