James Fearnley: Von Culture Club zum Elder Statesman

14. Mai 2011 | Von | Kategorie: Kultur, Musik

Die Pogues, die englisch-irische Kultband der 80er Jahre sind wieder auf Tour und kommen Anfang Juli auch nach Deutschland (Gaelnet berichtete). Bonn, Stuttgart und München kommen in den Genuss eines Auftritts der Pioniere des Folkpunk. Gaelnet.de hat mit dem Mann gesprochen, der bei den Pogues für fetzige Akkordeon-Klänge zuständig war und ist – James Fearnley.

Es ist kurz nach sechs in Augsburg, aus dem Gaelnet-Büro wähle ich eine Nummer in Los Angeles an. Dort ist es gerade erst viertel nach neun am Morgen. Freizeichen. Eine Frauenstimme meldet sich, offensichtlich Mrs. Fearnley. Ich frage nach James. “Oh, James ist gerade nicht da, er dachte der Termin wäre erst in einer Stunde, können sie nachher nochmal anrufen?” Ich kann.

Eine Stunde später…

Gaelnet.de: Hallo James.

James Fearnley: Oh, hallo Tom, entschuldigung, dass ich den Termin für das Interview verbummelt habe. Ich habe gesehen, dass Du aus Augsburg anrufst. Wusstest Du, dass ich, als ich elf Jahre alt war mal zwei Wochen in Stuttgart verbracht habe? Das ist ja nicht so weit weg von Augsburg.

Gaelnet.de: Dann sprichst Du ja sicher perfekt deutsch. Sollen wir auf deutsch weitermachen?

James Fearnley: (lacht) Hmm, ich bin ein wenig außer Übung. Hier denken ja viele Leute, dass Deutsch einen seltsamen Klang hat, aber ich mag die Sprache und Deutschland gefällt mir auch gut.

Gaelnet.de: Bei der Vorbereitung auf unser Gespräch habe ich bei gelesen, dass Du beinahe nicht bei den Pogues sondern bei Culture Club gelandet wärst. Ist an der Geschichte etwas dran?

James Fearnley: Ich glaube, das war im November 1981. Ich hatte eine Weile mit Shane und Jon Moss in einer Band namens “The Nips” gespielt.

Eines Abends rief mich Jon Moss an und fragte mich, ob ich ein Demotape anhören würde, weil seine Band “Culture Club” mit dem Gitarristen unzufrieden sei. Er kam vorbei, ich hörte mir das Band an und am Ende verblieben wir so, dass Jon mich anrufen sollte, wenn sie mich zu einem Vorspielen einladen wollten.

Gaelnet.de: Und dann…?

James Fearnley: Nunja, das nächste was ich von ihnen hörte war, dass “Karma Chamaeleon” die Hitparaden stürmte. Offensichtlich hatten sich die Probleme mit ihrem Gitarristen wieder eingerenkt.

Gaelnet.de: Culture Club wäre ja doch ein etwas anderer Stil gewesen als dann mit den Pogues?

James Fearnley: Ja, da hast du Recht. Aber zu dem Zeit hätte ich für jeden Gitarre gespielt, der mich spielen ließ. Ich habe alle Stile gespielt, Rock, Blues, einfach alles. Und dann kamen die Pogues. Wir hatten unsere große Zeit von 1982 bis 1987. Danach begann es langsam bergab zu gehen, bis Shane 1991 die Band verließ.

Gaelnet.de: Über Shanes Ausschieden 1991 gibt es ja verschiedene Versionen. Alkoholbedingte Unzuverlässigkeit ist eine, Intoleranz der Band gegenüber seinen pro-republikanischen Liedern eine andere, die von Shane selbst.

James Fearnley: (lacht) Da sprach der Alkohol aus Shane. Er hatte einfach keine Lust mehr auf die Band und in seiner unnachahmlichen Art der Verständigung war er nicht in der Lage uns das mitzuteilen. So begann er nach und nach alles zu verderben, was wir taten. Es dauerte eine Weile, bis wir dahinterkamen, was er uns damit sagen wollte.

Gaelnet.de: Drei Jahre nach Shane hast Du selbst die Band verlassen. Was war der Grund für Deinen Rückzug?

James Fearnley:Da kamen etliche Faktoren zusammen. Erst hatte die Band ihren Songwriter und Sänger verloren und wir tourten mit Joe Strummer.

Dann habe ich geheiratet, zog nach Kalifornien und bekam eine Tochter. Wäre ich in der Band geblieben, hätte ich immer wieder längere Zeit zum Arbeiten nach England fliegen müssen und ich wollte kein Vater sein, der seine Kinder nie sieht.

Ja und dann hatte mir das letzte Album “Waiting for Herb” nicht wirklich gut gefallen. Ich denke, das waren die wichtigsten Gründe.

Gaelnet.de: Heute steht Ihr wieder gemeinsam auf der Bühne, wie kam es dazu?

James Fearnley:Unser Promoter aus Manchester wurde 2001 gefragt “Wie groß ist die Chance, die Pogues für eine Weihnachtstour wieder zusammenzubringen?” Nunja, er hat uns überzeugt und die Tour war ein großer Erfolg und er fragte uns “Wollt ihr das nächstes Jahr wieder machen?”

Wir hatten alle großen Spass, wieder zusammen zu spielen und aufzutreten, genau genommen sogar mehr Spass als in unserer Frühzeit. Wir spielten sogar besser als zu der Zeit als wir eine richtige Band waren, Wir mussten einfach nichts mehr beweisen.

Und noch etwas: Während der großen Zeit der Pogues, gab es mehrere Leute in der Band, die mehr tranken, als ihnen gut tat. Und dann fand ich mich bei diesen Konzerten mit meinen Freunden wieder auf der Bühne, von denen einige seit Jahren hätten tot sein können – das war einfach wunderbar.

Gaelnet.de: Was ist denn der Unterschied zwischen ein Pogue in den 80er und ein Pogue im Jahr 2011 zu sein?

James Fearnley: Eigentlich gibt es keinen großen Unterschied, außer dass wir alle ein wenig älter sind. Wir sind sozusagen “Elder Statesmen”, wenn Du verstehst, was ich meine.

Gaelnet.de: Müsst ihr als “Elder Statesmen” heute mehr Fitnesstraining und Proben auf Euch nehmen als früher?

James Fearnley:Ich weiß nicht, wie es die anderen so gehalten haben, aber ich habe in der Vorbereitung auf die Tour 2001 begonnen jeden Tag eine Dreiviertelmeile zu schwimmen und ich habe seitdem nicht aufgehört. Ich muss ja fit sein, schließlich mache ich ja jede Menge “Stunts” mit meinem Akkordeon.

Was das Proben betrifft – Ich übe viel, andere machen das nicht und Shane ist was das Proben betrifft so unzuverlässig wie eh und je. Wenn wir Probetermine ansetzen, dann taucht Shane die ersten zwei Tage gar nicht auf. Am dritten Tag kommt er dann schließlich mit dem Kopf voller dummer Ideen und schon ist wieder ein Tag. Es macht wirklich Spass, aber manchmal ist es die Art Spass, die einen die Faust an die Wand schlagen lässt. (lacht)

Gaelnet.de: Hast Du denn ein Ritual vor es auf die Bühne geht?

James Fearnley:Naja, ich habe einen bestimmten Tagesablauf, wenn wir in unserem Tour-Rhythmus stecken. Tagsüber sind wir normalerweise im Bus unterwegs zum nächsten Konzertort. Gegen vier Uhr nachmittags machen wir unseren Soundcheck, dann gibt es Abendessen im Hotel. Im Anschluss lege ich mich immer noch ein wenig ins Bett und schlafe. Dann ziehe ich mein Bühnengewand an und treffe die Jungs in der Lobby und wir fahren in die Konzerthalle.

Manchmal, wenn dieser Tour-Rhythmus nicht funktioniert, dann sitzen wir alle zusammen in der Garderobe, die Hände über der Brust verschränkt und dösen vor uns hin. Das sieht dann aus wie ein paar alte Männer auf einer Parkbank

Gaelnet.de: Nach all den Jahren bei den Pogues – was ist denn persönlicher Favourite unter allen Euren Songs?

James Fearnley:Ohje, das ist eine schwere Frage. Ich kann Dir ein paar sagen, die mir viel bedeuten, lass mich kurz überlegen…

Ein Lied ist “Lorcas Lovena” auf dem Album “Hell’s Ditch”, das ist eines der besten Lieder, die ich jemals gehört habe. Ja und “A pair of brown eyes” ist auch ganz fantastisch. Ich denke, das sind meine beiden Favoriten.

Gaelnet.de: Zum Schluss würde ich Dich gerne darum bitten, Dir eine möglichst knifflige Frage für unser Pogues-Gewinnspiel auszudenken. Zu gewinnen gibt es je zwei Tickets für die Gigs in Bonn, Stuttgart und München.

James Fearnley: Eine knifflige Frage über die Pogues… Lass mich mal nachdenken, ob mir da etwas einfällt. Doch, ich habe etwas:

Im Jahr 1985 hatten wir einen Auftritt in Berlin. Warum ist mir dieser Gig besonders im Gedächtnis geblieben?

a) Shane hatte versucht die Grenze nach Ostberlin ohne Ausweis zu überqueren und wurde drei Stunden von der Volkspolizei festgehalten, weshalb der den Konzertbeginn verpasste.

b) Unsere Bassistin Cait o’Riordan entdeckte während des Konzerts einige Nazi-Skinheads im Publikum und begann diese von der Bühne aus zu beschimpfen.

c) Ich hatte bei einem Spaziergang durch Berlin in einem Lokal am Kurfürstendamm mehrere “Berliner Weiße mit Schuss” getrunken und in der Hektik vor dem Auftritt vergessen auf die Toiletten zu gehen, so dass mein Bewegungsdrang an diesem Abend nicht nur auf den Schwung unserer Musik zurückzuführen war.

Gaelnet.de: Ich bedanke mich für dieses überaus unterhaltsame und informative Gespräch. Ich freue mich auf Euren Auftritt in München.

James Fearnley: Gern geschehen, mir hat das Gespräch auch gut gefallen. Würde mich freuen, Dich in München zu treffen.

Teilnahmebedingungen Gewinnspiel:
1) Schick die richtige Lösung mit Deiner Adresse und der Angabe deines Wunschkonzertortes an info[AT]gaelnet.de
2) Einsendeschluss ist Sonntag, 22. Mai, 23.59 Uhr. Danach eingehende Einsendungen werden nicht berücksichtigt.
3) Verlost werden je zwei Karten für die Pogues-Konzerte in Bonn, Stuttgart und München im Juli 2011. Die Gewinner werden vom Veranstalter auf die Gästeliste gesetzt. Eine Barauszahlung der Gewinne ist nicht möglich.
4) Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Interview: Gaelnet.de
Bildnachweis: Dana (distortion) Yavin (1), via www.jeremyportermusic.com (2), Marion J. Ross (3)

Tags: , , ,

Ein Kommentar auf "James Fearnley: Von Culture Club zum Elder Statesman"

  1. [...] Fans, die sich auch von Multiple-Choice Quizfragen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Wir hatten James Fearnley in einem Interview mit Gaelnet.de um eine knifflige Quizfrage gebeten und er hat uns diese Frage [...]

Schreibe einen Kommentar

Achtung: Mit Abgabe eines Kommentars erkläre ich mich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und meine IP-Adresse ausschließlich zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.
Ihre Daten werden dabei mit den Daten bekannter Spamversender abgeglichen und vier Tage gespeichert, eine weitere Verwendung ihrer Daten findet nicht statt.
Weitere Informationen zur Funktionsweise von Akismet und Widerrufsmöglichkeiten..