Der Besuch der alten Dame – Ein Kommentar

19. Mai 2011 | Von | Kategorie: Kommentiert, Politik

Da fährt eine betagte englische Lady für ein paar Tage mit ihrem Gemahl ins Nachbarland, trifft sich mit ein paar nicht ganz so betagten Herrschaften zum Tee und besucht einige Sehenswürdigkeiten. An sich ein ganz banaler Vorgang, wäre die ältere Dame nicht Elisabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Länder und Gebiete, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens, und das Land nicht die Republik Irland.

Viel wurde im Vorfeld des allenthalben als “historisch” betitelten Staatsbesuch schon geschrieben. Das erste britische Staatsoberhaupt auf irischem Boden, seit der Irish Free State 1922 begann, eigene Wege zu gehen, sorgt für Schlagzeilen und vor allem für lautstarke Reaktionen bei denen, die durch eine Normalisierung der Lebensverhältnisse in Nordirland ihre Bedeutung schwinden sehen.

Als Kriegsverbrecherin wollten radikal-republikanische Dissidenten, die dem Friedensprozess nichts abgewinnen können oder wollen, die Queen vor Gericht gestellt sehen und drohten über Wochen, den Staatsbesuch durch Anschläge stören zu wollen.

Das 32 County Sovereignty Movement gilt als politischer Arm der Real IRA, die in den letzten Monaten immer wieder mit Anschlägen schockte. Ein vereintes Irland ohne britische Vorherrschaft ist es, was man hier fordert und sieht sich dabei in der Tradition der Rebellen von 1916, die in deren Gedankenwelt 1922 von den Befürwortern des Free States ebenso verraten wurden, wie die wahren Republikaner 1998 bei der Annahme des Karfreitagsabkommens.

Nur eines lassen die selbsternannten Volksbefreier außer Acht – dass es gar kein Volk gibt, das sie vertreten. Denn nimmt man es ganz genau, dann handeln die Dissidenten gegen den expliziten Willen des Volkes in der Republik ebenso wie in Nordirland. 1922 gab es eine Volksabstimmung über den Vertrag mit Großbritannien und auch über das Karfreitagsabkommen gab es ein Referendum – beide Male siegte die friedliche Lösung.

Und nun der Besuch der Queen. Eine Provokation, eine Herrschaftsgeste wird da aus der republikanischen Ecke gezetert. Wenn man sich den bisherigen Besuch ansieht, und all die feinen Gesten und Symbole auch im Vorfeld des Besuchs betrachtet, dann sieht es für den neutralen Beobachter allerdings mehr nach Entspannung als nach irgendetwas Anderem aus.

Auch wenn die Irish Guards-Uniform von Bräutigam William von enthusiastischen Journalisten zur pro-irischen Geste umgedeutet wurde, die bedeutsamere Geste war die erstmalige Einladung des Primas der irischen Katholiken, des Erzbischofs Sean Brady zur Hochzeit des künftigen Oberhaupts der anglikanischen Kirche.

Und auch das Auftreten der Königin in Irland selbst hatte so gar nichts Herrschaftliches an sich. Ich habe eine Queen gesehen, die an allen Stationen sehr zurückhaltend aufgetreten ist und dem Gastland die Ehre erwies, in dessen Nationalfarbe gekleidet anzureisen. Dass sie am frühen Morgen keinen Guinnessdurst verspürte, ist dabei eine eher lässliche Sünde.

Die Queen hat auch nicht davor zurückgescheut, mit dem Croke Park Stadium und den Gardens of Rememberance Orte zu besuchen, die in Irland sinnbildlich für die grausamsten Seiten der englischen Herrschaft über die kleine Nachbarinsel sind und mit den Kranzniederlegungen wenn auch nicht in Worten so doch in praktischen Taten ihr Bedauern bekundet.

Dass das alles nur symbolische Handlungen sind, ist jedem klar – doch was anderes als symbolische Handlungen will man von einer Monarchin erwarten, die im eigenen Land selbst nur ein Symbol ist. Politik machen andere, aber die Queen hat mit ihrem kurzen Besuch und ihrem Auftreten in Irland mehr für eine vielleicht irgendwann einmal eintretende Wiedervereinigung erreicht und geleistet, als es bombende Dissidenten je schaffen könnten.

Kommentiert von Thomas Brütting
Bildnachweis: merrionstreet.ie

Tags: , , ,

Ein Kommentar auf "Der Besuch der alten Dame – Ein Kommentar"

  1. [...] hochbetagte Herr fand den “Besuch der alten Dame” so “erbaulich”, dass er kurzentschlossen einen Brief an die Queen verfasste: [...]

Schreibe einen Kommentar

Achtung: Mit Abgabe eines Kommentars erkläre ich mich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und meine IP-Adresse ausschließlich zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.
Ihre Daten werden dabei mit den Daten bekannter Spamversender abgeglichen und vier Tage gespeichert, eine weitere Verwendung ihrer Daten findet nicht statt.
Weitere Informationen zur Funktionsweise von Akismet und Widerrufsmöglichkeiten..