Barack Obama in Irland – Die Rede

24. Mai 2011 | Von | Kategorie: Dublin, In aller Welt, Politik

Vor nahezu 30.000 Iren hielt US-Präsident Barack Obama als Höhepunkt seines eintägigen Irlandbesuchs vor dem ehemaligen irischen Parlament und heutigen Hauptquartier der Bank of Ireland eine vielbejubelte Rede. Hier die Ansprache im deutschen Wortlaut:

“Hallo Dublin, hallo Irland! Ich heiße Barack Obama, von den Monegall O’Bamas. Ich bin nach Irland gekommen, um den Apostroph wiederzufinden, den wir irgendwo auf dem Weg verloren haben.

Ein weiser Ire oder eine Iren hat einmal gesagt, dass gebrochenes Irisch besser sei als gutes Englisch. Nun denn: Tá áthas orm bheith in Éirinn – Ich bin glücklich, in Irland zu sein! Ich bin glücklich, bei so vielen Freunden zu sein.

Ich möchte mich bei meinen wunderbaren Gastgebern bedanken – zuallererst bei Taoiseach Kenny, seiner lieben Frau Fionnuala sowie bei Präsidentin McAleese und ihrem Ehemann Martin dafür, dass sie mich heute willkommen geheißen haben – Danke schön -, bei Oberbürgermeister Gerry Breen und den Gardaí dafür, dass ich so einfach in diese Party hier hereinplatzen darf.

Ich möchte Euch mein Mitgefühl für den Tod des ehemaligen Taoiseach Garrett Fitzgerald aussprechen. Er war jemand, der an die Macht von Bildung glaubte, an das Potenzial der Jugend und vor allem an die Chance zum Frieden – und er hat lange genug gelebt um diesen Frieden noch selbst mitzuerleben.

Ganz besonders möchte ich Euch, den Bürgern von Dublin und dem irischen Volk für den warmen Empfang und die herzliche Gastfreundschaft danken, die Ihr mir und Michelle erwiesen haben. Das fühlt sich ganz sicher an wie 100.000 Willkommen. Wir fühlen uns hier sehr zu Hause und nach dem Pint, das ich heute getrunken habe, fühle ich mich sogar noch mehr zu Hause.

Lasst mich Euch im Gegenzug die herzlichstens Grüße von zig Millionen irischstämmigen Amerikanern ausrichten, die ihre Wurzeln auf diese kleine Insel zurückverfolgen. Sie grüßen Euch.

Ich wusste ja, dass ich irgendwelche Wurzeln jenseits des Atlantiks hatte, aber bis vor kurzem konnte ich nicht eindeutig von mir behaupten, dass ich einer dieser Irish Americans wäre. Doch wenn man den Corrigan
Brothers Glauben schenken darf, dann ist niemand irischer als ich es bin. Und deshalb möchte ich den Familienforschern danken, die meinen Stammbaum zurückverfolgt haben.

Es hat sich herausgestellt, dass es eine Menge Menschen gibt, die sich für Sie einen interessieren, wenn man für das Präsidentenamt kandidiert. Sie durchforsten deine Vergangenheit, sie überprüfen deinen Geburtsort. Solche Sachen. Ich wünschte, irgendjemand hätte mir all diese Beweise schon früher zukommen lassen, weil es mir bei Beginn meiner Kandidatur in meiner Heimatstadt Chicago zugute gekommen wäre, denn Chicago ist die irische Hauptstadt des Mittelwestens. Eine Stadt, von der man schon sagte, dass man an der 79. Straße stehen könne, und die Dialekte aller irischen Countys hören könne.

Also war es klar, dass ein Politiker sich um einen Platz in der St. Patricks Parade bemüht. Das Problem war, dass mich nicht so viele Leute kannten, geschweige denn meinen Namen aussprechen konnten. Ich erklärte Ihnen, es sei ein Gälischer Name, aber sie glaubten mir nicht.

Eines Jahres bekamen ich und einige meiner Helfer einen Platz in der Parade aber wir waren buchstäblich die letzten im ganzen Zug. Nach zwei Stunden waren wir endlich dran. Und während wir so die Strecke abfuhren und lächelten und winkten, kamen hinter uns die Arbeiter von der Stadtreinigung, die hinter uns den Abfall aufsammelten. Das war etwas deprimierend. Aber ich wette, dass die Organisatoren dieser Parade heute fernsehen und sich richtig schlecht fühlen, wenn sie sehen, was das hier für eine tolle Party ist.

Nun muss ein Amerikaner natürlich nicht irischen Blutes sein um zu verstehen, dass wir eine stolze, dauerhafte, jahrhundertealte Beziehung pflegen, dass wir von unserer Geschichte, Freundschaft und gemeinsamen Werten verbunden sind. Und darum bin ich heute als amerikanischer Präsident hierher gekommen, um diese Bande der Zuneigung zu festigen.

Michelle und ich haben heute schon Moneygall besucht, wo ich das Haus meiner Vorfahren gesehen und einen Abstecher in den örtlichen Pub gemacht habe. Und wir wurden dort von allen Menschen einschließlich meines lange verlorenen Cousins 8. Grades Henry sehr herzlich empfangen. Henry heißt ab heute Henry VIII.

Und es war für mich sehr beeindruckend, diese kleine Stadt zu sehen, in der ein junger Schuhmachen namens Falmouth Kearney, mein Ur-ur-ur-Großvater, der Großvater meines Großvaters seine ersten Lebensjahre verbrachte. Ich habe die Kirchenurkunde gesehen, die seine Geburt belegt und wir haben das Haus gesehen, in dem er gelebt hat.

Er verließ das Land wie soviele Iren während der großen Hungersnot um ein neues Leben in der neuen Welt zu suchen. Er reiste nach New York, wo er sich als Arbeiter registrierte. Er heiratete ein Mädchen aus Ohio, sie ließen sich im Mittelwesten nieder und gründeten eine Familie.

Das ist ein vertraute Geschichte weil es eine ist, die von Amerikanern aller Herkünfte gelebt und geschätzt wird. Das ist ein integraler Bestandteil unserer nationalen Identität. Das ist, wer wir sind, ein Volk von Einwanderern aus der ganzen Welt. Aber als ich heute in Moneygall stand, musste ich daran denken, wie herzzerreißend es für meinen Ur-ur-ur-Großvater und all die anderen gewesen sein muss, wegzugehen, zu sehen, wie die Küste von Donegal und die Klippen von Dingle langsam entschwinden, zu wissen, dass man alles Bekannte in der Hoffnung auf etwas Besseres hinter dem Horizont zurückließ.

Als Menschen wie Falmouth an Bord dieser Schiffen gingen, haben sie das oft ohne Familie getan, ohne Freunde, ohne Geld, ohne irgendetwas das half die Reise zu ertragen – außer ihrem Glauben, Glauben an den Allmächtigen. Glauben an die Idee von “Amerika”. Der Glaube, dass das ein Ort sei, an dem man wohlhabend und frei sein könnte, wo man denken und reden und glauben konne, wie man wollte – einen Ort, an dem man es schaffen konnte, wenn man es nur versuchte.

Und während sie dann arbeiteten und kämpften und Opfer brachten und auch oft schwere Diskriminierungen erfuhren, als sie an diesem besseren Leben für die nächste Generation arbeiteten, gaben sie diesen Glauben an ihre Kinder und Kindeskinder weiter – ein Erbe, das ihre Ur-ur-ur-Enkel wie ich noch immer mit uns tragen.

Wir nennen das den “American Dream”. Es war dieser Traum, der Falmouth Kearney nach Amerika zog. Es war dieser Traum, der meinen Vater von einem kleinen Dorf in Afrika nach Amerika zog. Es war dieser Traum, den wir – manchmal durch rauhe Wasser, manchmal zu einem großen Preis – über mehr als zwei Jahrhunderte weiter getragen haben. Und soweit es mich betrifft, bin ich dankbar, dass sie diese Reisen unternommen haben; hätten sie nicht, würde heute jemand anderes zu Ihnen sprechen.

Und aus Amerikas Sicht sind wir dankbar, dass noch so viele andere aus diesem Land diese Chance ergriffen haben. Immerhin hat noch kein Volk ein anderes so sehr inspiriert. Irische Unterschriften sind auf unseren Gründungsdokumenten, irisches Blut wurde auf unseren Schlachtfeldern vergossen, irischer Schweiß hat unsere großartigen Städte entstehen lassen. Unser Geist wird auf ewig von irischen Geschichten und irischer Musik, unser öffentliches Leben von Herz, Humor und Hingabe von Dienern mit Namen wie Kennedy und Reagan, O’Neill und Moynihan belebt.

Man könnte also sagen, dass da immer ein Schimmer von Grün hinter dem Rot, Weiß und Blau schwebt. Als der Vater unseres Landes, George Washington eine Armee benötigte, war es der wilde Kampfeswillen Ihrer Söhne, das die Briten klagen ließ “Wir haben Amerika wegen der Iren verloren!” Und George Washington sagte selbst: “Als unser freundesloses Banner sicht erstmals entrollte, wer waren die Fremden, die sich zuallererst um die Fahnenstange versammelten? Und als es dann im Lichte wehte, wer hielt es mehr aufrecht als Erins Söhne?”

Als wir auszogen um den Makel der Sklaverei zu tilgen und die Menschenrechte zu errichten, fanden wir eine gemeinsame Sache in Ihrem Kampf gegen Unterdrückung. Frederick Douglass, ein geflohener Sklave schmiedete hier in Dublin eine unvergleichbare Freundschaft mit Ihrem “Liberator” Daniel O’Connell. Seine Zeit hier, sagte Frederick Douglass, habe ihn als Mensch und nicht als Hautfarbe definiert. Und es bestärkte die gewaltlose Kampagne, für deren Begründung er nach Hause zurückkehrte. Erst kürzlich haben sich Nachkommen von Douglass und o’Connell hier in Dublin getroffen, um an diese Freundschaft zu erinnern und sie fortzusetzen.

Als Abraham Lincoln darum kämpfte, die noch junge Union zu bewahren, unterstützten mehr als 100.000 Iren und Irish-Americans diese Sache. Einheiten wie die Irish Brigade warfen sich in die Schlachten und Banner mit goldenen Harfen wehten neben dem Sternenbanner.

Als die Depression Amerika fest im Griff hatte, schickte Irland tausende Packete mit Shamrocks um die Landsleute mit der Botschaft “Mögen diese Shamrocks aus Irland denen ind er Fremde Freude bringen” aufzuheitern. Und als der eiserne Vorhang durch diesen Kontinent gezogen wurde und unser Leben vor einer neuen Herausforderung stand, war es unser erster irischer Präsident, unser erster katholischer Präsident JOhn F. Kennedy, der uns genau vor 50 Jahren den Glauben gab, dass die Menschheit etwas so Großes und Ehrgeiziges vollbringen könne, wie einen Spaziergang auf dem Mond. Er ließ uns wieder träumen.

Das ist die Geschichte von Amerika und Irland. Das ist die Sage von unseren Muskeln und unserem Blut, Seite an Seite bei der Schaffung und Wiedererschaffung eines Volkes, auf dem Marsch nach Westen und in den Himmel, und immer immer wieder vorwärts. Und das ist auch heute wieder unsere Aufgabe.

Ich glaube, das wir alle wissen, dass unserer beider Völker in den letzten Jahren großen Strapazen ausgesetzt waren, einschließlich einer so schweren Rezession, dass viele unserer Mitbürger noch immer mit deren Folgen kämpfen. Und natürlich wendet sich unsere Sorge zu unseren Familien, unseren Freunden und unseren Nachbarn. Und einige in dieser enormen Zuhörerschaft denken über ihre Aussichten und ihre eigene Zukunft nach.

Die von Euch, die Eltern sind, werden sich fragen, was das alles für Eure Kinder und junge Menschen bedeutet, von denen heute so viele hier sind. Werden sie denselben Fortschritt sehen, den wir erlebt haben, seit wir in Eurem Alter waren? Werden sie eine Zukunft erben, die so groß und hell ist wie die, die wir einst erbten? Werden ihre Träume auch heute überleben?

Dieses Volk stand schon früher vor all diesen Problemen: als das Land die nicht mehr ernährend konnten, die es bestellten; als die Schiffe, die diese Küsten verließen, die hellsten Köpfe des Landes mit sich nahmen; als Brüder gegen Brüder kämpften.

Eure Geschichte weißt regelmäßige Einschnitte größter Belastungen und tiefester Sorgen auf. Aber es ist auch eine Geschichte des Stolzes und des trotzigen Durchhaltens. Eines Volkes, das auch in dunklen Zeiten die Flamme des Wissens am Leben erhielt, das Besetzung überwand und brachliegende Felder überdauerte, das über seine “Troubles” triumphierte – eines unverwüstlichen Volkes, das alle Widrigkeiten überwindet.

Und, Irland, so fordernd diese Zeiten auch sein mögen, Ich weiß, dass Deine Zukunft so hell und groß sein wird, wie es unsere Kinder erwarten. Ich weiß das, weil wir uns genau in Zeiten wie diesen, in Zeiten großer Herausvorderungen und Veränderungen daran erinnern, wer wir wirklich sind.

Wir sind Menschen, Iren und Amerikaner, die niemals aufhören, sich eine schönere Zukunft vorzustellen, selbst in schweren Zeiten. Wir sind Menschen, die die Zukunft aus harter Arbeit und Opfern entstehen lassen, dadruch, dass wir in die investieren, die uns am wichtigsten sind, wie Familie und die Gemeinschaft.

Wir erinnern uns an die Worte eines Ihrer berühmtesten Dichter dass “mit Träumen die Verantwortung beginnt”. Dies ist ein Volk, das sich dieser Verantwortung gestellt hat, ich dem es die Flamme des Wissens am Brennen erhält und in eine Ausbildung von Weltrang für ihre jungen Menschen investiert. Und heute gehören Irlands Jugendliche und die, die zurückkommen um ein neues Irland aufzubauen, zu den bestausgebildetsten und am unternehmerischsten denkenden der Welt. Und ich sehe all diese jungen Leute heute hier. Und ich weiß, dass Irland Erfolg haben wird.

Dies ist ein Volk, das seine Verantwortung annimmt, indem es die Lehren der eigenen Vergangenheit anwendet um eine noch größere Verantwortungslast auf der Weltbühne zu übernehmen. Und heute ernährt ein Volk, das einst die Schmerzen eines leeren Magens selbst kannte, die die anderswo hungern.

Irland arbeitet Hand in Hand mit den Vereinigten Staaten um sicherzustellen, dass hungrige Münder rund um die Welt gefüttert werden können – eben weil wir uns an solche Zeiten erinnern können. Wir wissen, wie Armut sein kann und wir sollen sicher sein, anderen zu helfen.

Ihr seid ein Volk, dass sich modernisiert hat und heute für diejenigen aufstehen kann, die das nicht mehr für sich selbst tun können. Und Ihr seid ein Volk, das sich zu seinen Verantwortlichkeiten bekennt – und dadurch die ganze Welt inspiriert – indem es an den Narben der Gewalt und des Mißtrauens vorbeischaut um einen dauerhaften Frieden auf dieser Insel zu schmieden. Als Präsident Clinton vor 15 Jahren an genau dieser Stelle sagte, es sei riskant den Frieden zu wagen, kannten die Betroffenen die Risiken, die sie eingingen.

Aber Ihr, das irische Volk, habt durchgehalten. Und Ihr habt für den Frieden Ihre Stimme abgegeben aber auch hören lassen. Und Ihr habt heldenhaft geantwortet, als der Frieden in bedroht wurde. Und das habt Ihr getan, weil – so hat es Präsidentin McAllese geschrieben – “uns bei aller Widerspenstigkeit unserer Probleme der ununterdrückbare menschliche Impuls zu lieben an uns herumnörgelte und uns in Richtung Versöhnung drängte.” Und Amerika wird an Eurer Seite stehen – immer! Amerika wird bei Eurem Streben für Frieden immer an Eurer Seite stehen.

Irland, Du musst verstehen, dass Du die Hoffnungen der Welt schon bei Weitem übertroffen hast, wie an den Wahlen in Nordirland vor zwei Wochen zu erkennen war, die ohne große Aufmerksamkeit vonstatten gingen. Und das geschah nicht deshalb, weil man es vergessen hat. Das lag daran, dass dieser einst unwahrscheinliche Traum etwas ganz außergewöhnliches geworden ist – er ist wahr geworden.

Mit dem Träumen beginnt die Verantwortung. Die Verantwortung anzunehmen, für sie zu arbeiten, die Zyniker und Neinsager und die, die sagen “Ihr könnt das nicht!” zu überwinden – das ist es, was Träume Wirlichkeit werden lässt. Das ist, was Falmouth Kearney tat, als er auf dieses Schiff ging und das ist, was so viele Generationen irischer Männer und Frauen in diesem tollen Land getan haben.

Das ist etwas, das wir unseren Kindern zeigen können, Iren wie Amerikanern. Das ist es, was wir ihnen beibringen können, wenn sie wie seit unseren Anfängen Seite an Seite in einem neuen Jahrhundert aufwachsen.

Dieses kleine Land – das zu größten Dingen inspiriert – Deine besten Zeiten liegen noch vor Dir! Unsere größten Triumphe – in Amerika wie auch in Irland – kommen erst noch. Und, Irland, wenn irgendjemand etwas anderes sagt, wenn irgendjemand sagt, dass Deine Probleme zu groß oder Deine Herausforderungen zu schwer sind, dass wir nichts tun können und dass wir es gar nicht erst versuchen sollten, dann denke an all das, was wir zusammen schon geleistet haben. Denke daran, dass egal welche Mühsal der Winter bringen mag, der Frühling schon um die Ecke wartet.

Und wenn sie mit euch streiten wollen, dann antwortet mit einem einfachen Satz: Is féidir linn. Yes, we
can. Yes, we can. Is féidir linn.

Danke für alles was Ihr zum Charakter der Vereinigten Staaten und dem Geist der Welt beigetragen haben und möge Gott die ewige Freundschaft zwischen unseren großartigen Völkern segnen.

Danke Euch allen. Danke, Dublin. Danke, Irland.

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