Der Brief vom Bischof

18. Juli 2011 | Von | Kategorie: Cork, Religion

Wenn Männer, die ihr Leben dem Glauben und Gott verschrieben haben, sich zu perversen und hinterhältigen Verbrechern verwandeln, dann muss sich niemand wundern, wenn ein solches Ereignis an den Grundfesten der Institution Kirche rüttelt – insbesondere in Irland, wo das Verhältnis zwischen Kirche und Volk um einiges enger ist, als in anderen europäischen Ländern.

Zwar betonen immer noch Menschen über Menschen in den unzähligen Talk-Radio-Sendungen quer durchs Land, ihr Gemeindepfarrer sei “one of the good priests”, aber alleine diese Aussage verrät die unterschwellige Befindlichkeit der Menschen, die beginnen, “ihre” Kirche zu hinterfragen.

Warum mißbrauchen Priester kleine Kinder? Warum wird auf Anzeigen nicht reagiert? Warum weist ein Nuntius die Bischöfe an, von der Information weltlicher Ermittlungsbehörden abzusehen? Warum werden Ermittlungen verschleppt und warum dauert es fast 15 Jahre, bis das ganze Ausmaß der Vertuschungen öffentlich wird?

Kommunikation nach außen ist die Stärke der katholischen Kirche nicht, ist sie nie gewesen. Über Jahrhunderte waren Priester und Bischöfe Respekts- und Machpersonen, die von oben herab anordneten und verkündeten. Und das Volk parierte oder fiel der ewigen Verdammnis anheim. Und während die Kirche mit der Ausbreitung der Demokratie immer mehr Macht einbüßte, blieb sie in Irland bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Autorität, deren Macht bis in die Regierung reichte.

Damit ist es vorbei, das Schiff “Kirche” ist in schwerer See, die Beziehungen zum irischen Staat sind schlechter denn je und der Job des apostolischen Nuntius in Irland ist in Gefahr.

Gestern nun gab es eine Entschuldigung des zuständigen Erzbischofs Dermot Clifford an die Gläubigen der Diözese Cloyne – doch bedauerlicherweise wandte sich der Oberhirte nicht persönlich an seine Schäfchen, sondern ließ das Entschuldigungsschreiben von den Gemeindepfarrern im Rahmen der sonntäglichen Messe verlesen.

Gerade weil Erzbischof Dermot Clifford nicht persönlich für die Affäre “Cloyne” verantwortlich ist – er ist derjenige, der nach der Ablösung von Bischof John Magee mit der Diözese Cloyne betraut wurde und den von Magee hinterlassenen Scherbenhaufen aufräumen sollte – hätte man jedoch erwarten können, dass er offensiver mit dem Thema “Entschuldigung” umgeht und einer Aufarbeitung dern Weg bereitet.

Ausgerechnet ein Bischof, der im Laufe seines Lebens unzählige Male die Beichte abgenommen hat, sollte doch das Konzept der Vergebung, die ja doch so etwas wie den “Markenkern” des christlichen Weltbildes darstellt, verinnerlicht haben. Persönlich bekannte Schuld und offen gezeigte Reue bilden in der Kirche den Grundstein für die Vergebung durch Gott. Im wahren Leben ist es nicht anders, doch scheinen “Kirche” und “wahres Leben” zumindest in Cloyne noch zwei Seiten einer Münze zu sein.

Erzbischof Dermot Clifford mag ein unbescholtener Oberhirte sein, aber mit dem Entschuldigungsbrief hat er in seiner Aufgabe, die Diözese zusammenzuhalten, versagt. Der Bischof hätte selbst auf die Kanzel gehört, er hätte in Persona vor seine Gläubigen treten müssen und persönlich die Schuld der Kirche eingestehen müssen, persönlich Reue zeigen müssen und persönlich, von Auge zu Auge, von Angesicht zu Angesicht um Vergebung bitten müssen. Das wäre angemessen gewesen, Opfer und Gläubige hätten einen solchen Schritt verdient gehabt.

Kommentiert von unserem Redaktionsmitglied Tom Brütting

Bildnachweis: wikipedia

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