McGuinness is good for you?

24. September 2011 | Von | Kategorie: Kommentiert, Politik

Das McGuinness-Gespenst schwebt über dem Präsidentenpalast

Im Oktober wählt Irland einen neuen Präsidenten und seit Wochen dreht sich das Kandidatenkarrusell. Ein schwuler Universitätsdozent führte die Umfragen an, bis er wegen einer Affäre aus der Vergangenheit zurücktrat und nun doch wieder im Rennen ist. Doch seit einigen Tagen ist ein weiterer Kandidat hinzugekommen, der die öffentliche Diskussion befeuert. Denn Martin McGuinness, der im Norden gestählte Sinn Fein-Recke will nun in den Präsidentenpalast im Süden einziehen und ersten Umfragen zufolge stehen seine Chancen nicht schlecht – zumindest deutlich besser als die des trällernden Ex-Grand Prix-Sternchens Rosemary Dana Scallon.

“Darf ein Terrorist Präsident werden?” fragen irische Kommentatoren und auch die Öffentlichkeit. Ja darf er denn?

Ja, Martin McGuinness war Mitglied der IRA. Anfang der 70er Jahre war der junge Martin sogar stellvertretender IRA-Kommandeur von Derry, vor Gericht bekannte er sich selbst dazu, Mitglied der “Óglaigh na hÉireann” zu sein. Mehr als Sprengstoffbesitz konnte McGuinness nicht nachgewiesen werden, am Bloody Sunday soll er, so will man inzwischen wissen, mit einer Thompson Gun bewaffnet herumgelaufen sein.

Später hat McGuinness wesentlich zu dem beigetragen, was heute als nordirischer Friedensprozess bekannt ist. Er hat vermittelt und verhandelt und er hat erfolgreich mit dem einstigen Erzfeind Ian Paisley den Norden auf einen parlamentarischen Weg gebracht. Er hat erfahren und bewiesen, dass Politik und GEspräche am Ende weiter tragen als Waffen und Kämpfe.

Nun kann man immer noch darüber diskutieren, ob ein ehemaliger IRA-Kommandeur, der, auch wenn ihm persönlich nichts nachgewiesen werden konnte, mit Sicherheit in weitreichende Entscheidungen mit möglicherweise tödlichen Konsequenzen eingebunden war, ob also ein Terrorist Präsident werden darf.

Ein Problem bei dieser Frage ist die Perspektive und die zeitliche Distanz. Der Bloody Sunday ist gerade mal 39 Jahre her, eine relativ kurze Zeit im historischen Kontext, viele Opfer und Angehörige des nordirischen Bürgerkriegs leben noch und könnten durch einen Ex-IRA-Mann im Präsidentenamt brüskiert werden.

Andererseits muss mann, wenn man sich die Geschichte Irlands mal genauer ansieht, konstatieren, dass dieses kleine Land während rund der Hälfte seiner bisherigen Geschichte von ehemaligen Terroristen regiert oder repräsentiert wurde.

Bestes Beispiel: Eamon de Valera. de Valera kämpfte als Kommandant bei Easter Rising und entkam nur durch seinen amerikanischen Pass der Hinrichtung. Aus Sicht der Engländer eindeutig ein Terrorist, hätte es das Wort damals schon gegeben. Und dann, einige Jahre später, zettelt de Valera im eigenen, unabhängigen Land einen Bürgerkrieg an gegen den demokratisch legitimierten Unabhängigkeitsvertrag. Auch hier klar ein Terrorist. de Valera war übrigens in späteren Jahren noch 16 Jahre lang Taoiseach und weitere 14 Jahre Präsident der irischen Republik.

Oder auch Sean Lemass, mehrfacher Tánaiste und Taoiseach von 1959 bis 1966, der Mitglied der Garnison im General Post Office während des Easter Rising war und im Anglo-Irish-War vermutlich Mitglied einer von Michael Collins geführten Spezialeinheit, die unter anderem eine englische Geheimdiensttruppe eliminierte. Und Lemass kämpfte ebenfalls im Bürgerkrieg gegen die eigene Regierung. In den 20ern ein Terrorist, später ein geachteter Politiker?

Irland hat also Erfahrungen mit Terroristen in höchsten Staatsämtern auch wenn heute keiner mehr de Valera oder Lemass so bezeichnen würde. Denn beide haben durch ihre Lebensgeschichte beweisen, dass sie trotz ihrer militanten Jugend umdenken konnten und sich einem friedlichen, politischen Weg verschrieben haben.

Dasselbe gilt auch für Martin McGuinness. Er hat in den letzten Jahren überaus glaubwürdig und dauerhaft bewiesen, dass er auf dem Boden der Demokratie angekommen ist und seine Ziele auf diesem Weg politisch auszufechten weiß.

Ein Wahlerfolg würde Sinn Fein zudem zwingen, verkrustete Relikte wie das Verhältnis zum britischen Nachbarn und dessen Königshaus zu überdenken und zukunftsfähig zu gestalten. Denn eines ist klar. Ein gewählter Präsident McGuinness hat als oberster Repräsentant seines Landes eine größere Verantwortung, die auch ein staatsmännisches Auftreten verlangt – gegenüber dem Papst, der deutschen Kanzlerin oder auch der Queen.

Martin McGuinness soll kandidieren, dann kann das irische Volk selbst entscheiden, ob die Wunden schon weit genug verheilt sind, um einen Präsidenten McGuinness zu ertragen.

Bilder: wikpedia
Bildmontage: Gaelnet.de

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