Ruhe bitte – und enteignet schauen!

12. Februar 2012 | Von | Kategorie: In aller Welt, Kerry, Kultur

Wenn zwei Schauspieler mit minimalem Bühnenbild, Requisiten und Kostümen über zwei Stunden ein Stück mit 16 Figuren spielen, dann sind sie entweder sehr mutig oder äußerst talentiert. Über Karsten Kaie und Karl Bruchhäuser kann man guten Gewissens beides sagen. Sie haben Mut, weil sie die deutschen Rechte des irischen Stücks “Stones in His Pockets” erworben und das Stück selbst produziert haben und sie haben Talent, weil es den beiden “Cavemen” gelingt, lediglich durch mehr oder minder starke Veränderung der Körperhaltung, Mimik oder Sprache ein ganzes irisches Dorf samt Filmcrew auf der Bühne zum Leben zu erwecken.

Eigentlich ist “Die Statisten” die Geschichte einer Filmcrew, die in einem kleinen Nest irgendwo an der irischen Westküste einfällt um einen romantischen Film zu drehen, aber auf der anderen Seite ist es auch ein klein wenig die Geschichte dieser kleinen, grünen Insel selbst. Invasion, Unterdrückung, Selbstherrlichkeit, tragische Todesfälle und Auflehnung sind Motive, die der irischen Geschichtsschreibung nicht fremd sind.

“Die Statisten” ist auch die Geschichte zweier nicht unsympathischer Underdogs, die sich nach unterschiedlich erfolglosen Lebensläufen als Statisten verdingen. Da ist einmal der etwas naive Charlie (Karsten Kaie), dem fast nichts die Laune verhageln kann, der mit einem Videoladen im Nachbarort Ballycastle Bruchlandung gemacht hat, und der verzweifelt versucht, sein Drehbuch an den Mann oder die Frau zu bringen. Sein Kollege und Leidensgenosse ist der nachdenkliche Jake (Karl Bruchhäuser), der in Amerika mehrere Jahre wenig erfolgreich “Dies und mal Das” gemacht hat und nun auch in der Reihe der Statisten steht.

Doch damit nicht genug – mit von der Partie ist auch die hektisch affektierte Regieassistentin Aisling (Bruchhäuser), die auf Aufnahmeleiter Simon abfährt und mit “Ruhe bitte – settle!” das Heer der Statisten im Zaum zu halten sucht. Oder etwa der überkandidelte Schauspiel-Star Caroline Giovanni (Kaie) mit dem Antonio Banderas-Akzent und “in die dritte Generation irisch, mutterlicherseits”. Nicht zu vergessen der alte Mickey, der letzte noch lebende Statist aus “The Quiet Man” mit John Wayne, der stets auf der Suche nach dem Mann mit der Gage ist.

Mehr als einen irischen Abendhimmel als Hintergrund und zwei unterschiedliche Kisten brauchen Karl und Karsten nicht, um das Hollywood-Filmset lebendig werden zu lassen. So präzise ist das Spiel der einzelnen Charaktere, dass auch Szenen mit mehreren Personen möglich sind, ohne dass das Publikum verwirrt den Anschluss verliert. Eine Körperdrehung, eine andere Haltung und weiter geht das Spiel. Die Statisten tun ihr Bestes “enteignet zu schauen” und die Wünsche der Filcrew zu erfüllen, sogar wenn darunter die Bitte um ein Rendezvous ist.

Der Selbstmord von Jakes Cousin, ausgelöst durch die hochnäsige Caroline führt zu Spannungen zwischen Filmteam und den Einheimischen, die angeführt von Statistenlegende Mickey den Aufstand proben, weil für die Beerdigung von Dave keine Drehpause vorgesehen ist. Wie der Machtkampf ausgeht und was es mit Wigwam Productions auf sich hat, sei an dieser Stelle nicht verraten.

“Die Statisten” ist ein Theaterstück, wie es irischer nicht sein könnte. Einfach und schnörkellos, lebhaft, tragisch und doch optimistisch, humorvoll, heimatverbunden. Es ist eine Parodie auf Hollywood und auf den romantisierenden Klischee-”Paddyismus” und eine schauspielerische Meisterleistung. Wenn Karsten Kaie und Karl Bruchhäuser spielen, dann stehen eben nicht nur zwei Schauspieler auf der Bühne, sondern ein ganzes Dorf samt Filmteam. Jeder Irlandfreund wird bei diesen Statisten seine helle Freude haben.”

Bildnachweis: Gaelnet.de / Thomas Brütting

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