Irland-Betrachtungen (1) – Abgehoben

18. Februar 2012 | Von | Kategorie: Dublin, Kommentiert, Reiseland Irland, Tourismus

Gaelnet.de-Gründer Tom Brütting war schon oft in Irland, sein letzter Besuch liegt allerdings Jahre zurück. Verlassen hat er damals ein Land, das sich “keltischer Tiger” nannte und vor Selbstbewusstsein nur so strotzte und mit Bauten nur so protzte. Anfang 2012 kam er für ein paar Tage zurück nach Irland, genauer in die Hauptstadt Dublin. Seine nicht-repräsentativen Beobachtungen veröffentlichen wir hier in loser Folge.

Die Ankunftshalle im Terminal 2

Es ist Mittag in Irland, als der Airbus A 320 auf den Endanflug hin zum Dubliner Flughafen einschwenkt. Unter dem Flieger ziehen große graue Wolken und die irische See dahin, auf der Schaumkronen auf den brechenden Wellen tanzen.

Vor uns sieht man die Küste schnell näherkommen, über Land erkennt man als erstes, na klar, einen Golfplatz, dessen Sandbunker, durch ein Wolkenloch von der Sonne beschienen, hell aufleuchten. Von oben sieht alles aus wie früher.

Es rumpelt, der Flieger vibriert, das Fahrwerk wird ausgefahren, kurz darauf setzen wir auf. Nach zehn Jahren das erste mal zurück in Irland. Was wird sich verändert haben, wie sieht Dublin aus, schließlich reise ich in ein Land, das tief in einer Krise steckt?

Durch den “Rüssel” verlasse ich das Flugzeug und laufe dem Terminal entgegen. Alles ist neu und blitzeblank – kein Wunder, bin ich doch am neuen Terminal 2 gelandet, dem 600-Millionen-Euro-Vorzeigeprojekt. Schon von oben habe ich das silberglänzende Bauwerk, das an zwei aneinandergeklebte Brotkästen im Wellblech-Design erinnert, gesehen. Nur wenige Flugzeuge hatten sich auf die 19 Flugsteige verteilt, soviel konnte ich im Landeanflug schon erkennen.

Nach wenigen Schritten bin ich schon durch die Passkontrolle, gleich dahinter liegt die Halle mit den Gepäckbändern. Als ich dort ankomme, spuckt das Förderband bereits die ersten Koffer aus, meiner ist darunter. Kaum fünf Minuten nachdem ich das Flugzeug verlassen habe – so schnell wie eigentlich an noch keinem anderen Flughafen – bin ich ich öffentlichen Teil des Airports und habe Zeit, das monumentale Bauwerk auf mich wirken zu lassen.

Ich mag moderne Flughafen-Terminals, Glas-Stahl-Konstruktionen mit viel Tageslicht wie etwa in London Stansted oder das Terminal 2 in München finde ich toll und auch das Dubliner Terminal ist gelungen – zumindest von architektonischer Seite. Sogar das überdimensionale Knoten-Kunstwerk mitten in der Ankunftshalle hat was. Ich fühle mich wohl und warte auf meine Abholung. Und wohl nur weil ich im Gegensatz zu den anderen Passagieren verweile, fällt mir das Manko des neuen Terminals auf.

Die Aer Lingus-Check In-Halle

Die meisten Reisenden durchqueren im Pulk ihrer Mitpassagiere die Halle in wenigen Schritten hin zum Zubringergebäude, das die Verbindung zu den Parkplätzen herstellt. Und so merken sie im Stimmengewirr ihrer Abholer und Mitreisenden kaum, wie leer und unbelebt das riesige Gebäude um sie herum eigentlich ist. Menschen verlieren sich in den riesigen Hallen und es scheint sogar, als würde die Zahl der dienstbaren Geister die der Reisenden bei weitem übersteigen.

Die Abflughalle liegt ein Stockwerk unter den “Arrivals” und ist mit ihren 56 Schaltern in zwei Check-In-Bereiche geliedert. An den ersten 28 Schaltern werden die Flüge der Etihad Airways, Continental, US Airways, Delta und American Airlines abgewickelt, die Check-in-Schalter 29-56 in einer eigenen Halle sind dem einheimischen Carrier Aer Lingus vorbehalten.

Und während ich diese Zeilen schreibe, beschließe ich, mir das Flugaufkommen für Terminal 2 einmal anzusehen – die in Halle 1 an den Schaltern 1 – 28 untergebrachten Airlines wickeln laut Online-Abflugplan des Dubliner Flughafens am heutigen Samstag genau sechs Flüge ab. Sechs Flüge in einer Halle so groß wie eine Mehrfachturnhalle.

Selbst in der Abflughalle von Aer Lingus, wo ein Großteil der Flüge abgewickelt wird – 46 Flüge alleine am heutigen Tag – ist man weitestgehend mit den Servicemitarbeitern alleine. Zwar spiegeln ellenlange Wartekorridore Wartezeiten wie vor der großen “Big Thunder Mountain”-Achterbahn im Disneyland vor, aber es gibt keine Wartezeit. Wie auch – bei 28 Schaltern und 46 Flügen am Tag muss jeder Schalter rein rechnerisch keine zwei Flüge abfertigen.

An diese abgehobenen Dimensionen muss ich auch denken, als der Taxifahrer, den ich auf das schöne, neue Terminal anspreche, in Anspielung auf die gesunkenen Passagierzahlen lakonisch anmerkt “When we were in need of a second terminal, we did not have one. Now that we have a second terminal, we don’t need it anymore.”

Ich bin zweigespalten, als das Taxi in Richtung Stadt fährt. Seit ich 1993 zum ersten Mal mit dem Flugzeug nach Irland gereist bin, kenne ich den Airport in Dublin nur “under construction – we apolgise for any inconvenience caused!” Man musste durch Gänge aus groben Holzverschalungen oder Umwege gehen, auch einmal durch eine provisorische Passkontrolle. Wohl gefühlt habe ich mich am Terminal 1 in Dublin eigentlich nie und es war immer klar, dass etwas getan werden muss.

Was ich mich allerdings gefragt habe und immer noch frage is Folgendes: So gut mir das neue Gebäude auch gefällt, so schnell die Abfertigung auch jetzt angesichts der noch niedrigen Passagierzahlen funktioniert – war es wirklich nötig so einen Koloss zu bauen. Hätten es ein paar zusätzliche Gates, ein paar Parkpositionen mehr und ein paar Busse nicht auch getan?

600 Millionen Euro sind eine Menge Holz und ob der Airport die anvisierten Kapazitäten von 15 Millionen Passagieren jährlich selbst bei deutlich ansteigenden Passagierzahlen jemals wird ausnutzen können, ist fraglich. Es ist den Iren zu wünschen, dass dieser öffentliche Bau nicht auch n och zur Investitionsruine wird.

(Fortsetzung folgt)

Bildnachweis
: Gaelnet.de / Thomas Brütting

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