Irland-Betrachtungen 2 – Stadtrundgang im Regen

27. Februar 2012 | Von | Kategorie: Jetzt lesen

Gaelnet.de-Gründer Tom Brütting war schon oft in Irland, sein letzter Besuch liegt allerdings Jahre zurück. Verlassen hat er damals ein Land, das sich “keltischer Tiger” nannte und vor Selbstbewusstsein nur so strotzte und mit Bauten nur so protzte. Anfang 2012 kam er für ein paar Tage zurück nach Irland, genauer in die Hauptstadt Dublin. Seine nicht-repräsentativen Beobachtungen veröffentlichen wir hier in loser Folge.

Folgen der Immobilienblase

Es ist kühl, dunkle Wolken ziehen über den Himmel wie ein Gleichnis auf die irische Wirtschaftskrise. Ich stehe am Merrion Square vor den schwarzen, schmiedeeisernen Toren des “Dead Zoo”, wie die Dubliner ihr Natural History Museum bezeichnen. Nach Osten erstreckt sich Merrion Square South, die Südseite des mondänen georgianischen Platzes – während der Hochzeit des keltischen Tigers war dieser Platz in Dublin “the place to live and work”.

Die ehemaligen Stadtpalais wurden entrümpelt, renoviert und schließlich wechselten sie zu Summen, die Normalsterblichen die Tränen in die Augen treiben, die Besitzer. Rechtsanwälte und Finanzberater hängten glänzende Messingschilder an die Hauswand und die Parkplätze vor den Häusern wirkten wie eine Ausstellung eines deutschen Nobelkarrossen-Händlers.

Und heute? Ich laufe ein wenig die Straße hinunter und blicke in die Häuser. An manchen verraten die leeren Zimmer und der ungepflegte Eingangsbereich, wie es um das Haus steht, doch vor vielen stehen die bunten Tafeln der Makler. “To rent” verkünden die einen, “For sale” die anderen. Und es stehen viele Tafeln in Merrion Square South!

Vorbei an den Government Buildings gehe ich durch den einsetzenden Regen zur Merrion Row. O’Donoghues Pub sieht aus wie eh und je und auch der Rest der Straße birgt keine Überraschungen. Nein, falsch – entsetzt stelle ich fest, dass mir der kleine hugenottische Friedhof am Übergang von Merrion Row zu St. Stephens Green noch nie zuvor aufgefallen ist.

Weiter zur Grafton Street, der Shoppingmeile der City, die nach Aussagen meines Stadtführers vom Vortag auch heute noch das achtteuerste Pflaster der Welt ist, was die Ladenmieten betrifft. Ich schlendere im nun vom Himmel plätschernden Regen durch Grafton Street nach Norden auf Trinity College zu.

Die Schilderhalter sind jünger geworden

Läden haben gewechselt, aber das ist nach 10 Jahren auch kein Wunder. Sogar die Schilderhalter, die irische Variante des 1-Euro-Jobs, stehen noch oder vielleicht schon wieder auf der Straße und zeigen, worauf sich die Aufmerksamkeit des Passanten richten soll. Doch standen da früher ältere Männer in Tweedjacket und -mütze, die neben der “Arbeit” ein Schwätzchen hielten, sieht man heute häufig sehr junge Leute mit den Schildern an Straßenecken stehen.

Das College steht noch, die Bank of Ireland auch, über O’Connell Bridge wechsle ich in den Nordteil der Stadt. O’Connell Street war einmal eine sechsspurige Autobahn in der City, auf der sich Blechlawinen an den Häusern entlangwälzten. Die Veränderung gefällt mir, Stadtplaner haben aus der abgasdurchströmten Häuserschlucht einen eleganten, urbanen Boulevard gemacht.

Die LUAS in der Abbey Street

Wäre nicht Januar und würde nicht kalter Regen auf mein kahles Haupt prasseln – ich würde gerne verweilen. Nur eines fehlt mir: der Anna Livia-Brunnen, der im Rahmen der Umgestaltung abgebaut wurde und nun in einem Park nahe der Heuston Station steht.

An der Abbey Street kreuzt die LUAS, die Dubliner Straßenbahn meinen Weg und weil die schicken Niederflurtrams ein trockenes Obdach verheißen, löse ich ein Ticket und warte auf die nächste Bahn in Richtung “Point”.

Die Bahnen verkehren in kurzem Abstand, sind geräumig und bequem. Ich bin angetan, lehne mich zurück, lasse die Stadt an mir vorübergleiten und grüble ein wenig über das, was ich gesehen habe.

An der Oberfläche hat sich Dublin nicht sehr verändert. Gut, da gibt es die LUAS und die neue O’Connell Street, aber das ist auch das einzige, das mir ins Auge gesprungen ist. Davon abgesehen ist Dublin lebendig und pulsierend wie eh und je. Die Geschäfte sind voller Menschen, auf den Straßen herrscht geschäftige Hektik und auch in den Pubs wird eifrig gefeiert. Doch ein Maßstab für den Rest des Landes kann Dublin nicht sein.

Als Hauptstadt ist Dublin mit seinem Stadtzentrum das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum und das Aushängeschild des Landes. Hier kommt ein Großteil der Irland-Reisenden an und gibt seine ersten oder letzten Euros auf irischem Boden aus. Hier sitzt die Regierung mit ihren Behörden und viele Zentralen internationaler Unternehmen und damit auch die Leute, die noch in Lohn und Brot stehen und diesen Lohn auch umsetzen können.

Deshalb wirkt Dublin für viele wie eine Stadt fern der oft beschworenen Krise. Die erwähnten Kehrseiten der Medaille fallen dem Touristen vermutlich gar nicht so ins Auge. Die Häuser am Merrion Square sind imposant, da fallen die Verkaufsschilder gar nicht so auf. Und auch die Schilderhalter wirken auf Touristen vielleicht auf romantische Art und Weise altmodisch und werden nicht als Ergebnis einer verzweifelten Suche nach irgendeiner bezahlten Arbeit wahrgenommen.

Was Touristen auffallen könnte ist die große Zahl von Bettlern in der City. Schnorrend oder einfach am Straßenrand sitzend hoffen sie auf ein paar Cent aus den Händen der Passanten. Und auch hier sieht man nicht in die Gesichter von Ausländern oder fahrendem Volk. Die Menschen, die hier sitzen, sind jung, einheimisch und ohne Hoffnung.

(Fortsetzung folgt)
Bildnachweis: Gaelnet.de / Thomas Brütting

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FTI Touristik

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