Ein Schaf marschiert selten allein

14. März 2012 | Von | Kategorie: In aller Welt

Was wäre Irland ohne die vielen wollig weißen Punkte auf den saftig grünen Hügeln, ohne das laute Blöken am Wegesrand? Was wäre Irlands Souvenirindustrie ohne das inoffizielle Wappentier der grünen Insel? Aran Sweater, Salz- und Pfefferstreuer, Aufkleber, Kühlschrankmagnete und hunderte Postkarten mit Schafmotiven tragen das sympathische Schafsgesicht in alle Welt. Es erstaunt also nicht, dass die irische Tourismusbehörde Schafe als Sympathieträger auf Großevents entsendet um für Irland zu werben. Gaelnet-Redakteur Jo Mayer ist für ein paar Stunden in ein Schaffell geschlüpft, hier ist sein schafer Bericht:

Guten Morgen, guten Morgen, guten Morgen Sonnenschein..? Pustekuchen! München, 9.30 Uhr, das Haar hängt – dank Nieselregen. Eine kleine Gruppe Gaelnet-Redakteure schleicht halb erkältet, halb unausgeschlafen auf den Odeonsplatz, auf dem ab Mittag die grosse Sause zum Münchner St. Patrick´s Day Umzug steigen soll. Und auch den fleissigen Aufbauhelfern am Guinnes-Stand und allen drumherum steht heute morgen noch auf der Stirn: “Bevor hier die Stimmung steigt, soll doch erst mal die Temperatur steigen, grrrml.”

Dabei hatte mein Undercover-Auftritt doch so spassig begonnen… Gaelnet-Gründer Tom war mit Saskia Botsch von Tourism Ireland über die Parade in München und einen neuen Ansatz der Berichterstattung ins Gespräch gekommen. Von da war es nur ein kleiner Schritt, bis die beiden auf einen Undercover-Reporter im Schafspelz kamen – mich! Tom wollte aus unerfindlichen Gründen lieber vom Strassenrand aus fotografieren, und so kam die Anfrage zu mir. “Ob ich an einem Spezialeinsatz Interesse hätte…” Was die Verschwörer nicht wussten – die Online-Unterhaltung bei Facebook hatte ich schon einige Zeit mitverfolgt und so hatte ich bereits Bedenkzeit gehabt. Meine Antwort war so kurz wie eindeutig: “Mäh!”

Kaum drei Monate später stehen wir also nun zwischen Kisten und Fässern herum und warten auf Saskia. Während Tourismus-Flyer verraten, dass wir hier wohl richtig stehen am Stand von Tourism Ireland, fallen mir zwei Damen auf, die wie wir am Stand herumlungern. “Seid Ihr auch Schafe?” frage ich die beiden ungeniert und mit schelmischem Grinsen. “Ja genau”, höre ich und bekomme einen spontanen Anfall von Herdentrieb. Dabei haben wir noch nicht mal die Kostüme…

Fünf Schafe = eine Herde?

Die beiden sind Schaf-Veteraninnen, sind schon letztes Jahr für Tourism Ireland gelaufen und freuen sich schon auf die Parade. Das entspannt: Alte Hasen unter den Schafen, die wissen sicher, wer hier wo und was und überhaupt… Als sich dann noch eine Gaelnet-Leserin und ihr Mann als weitere Schafe zu erkennen geben, ist die Stimmung schon recht gelöst in der Herde. Plötzlich wuselt jemand Geschäftiges aus unseren Augenwinkeln ins Bild: Saskia ist da und begrüsst ihre Schäflein allesamt mit Handschlag. Doch Saskia bringt schlechte Nachrichten: Dieses Jahr hätten viele Schafe abgesagt, wir fünf seien im Moment schon die ganze, eher bescheidene Herde.

Doch Saskia ist nicht umsonst im Marketing, sie improvisiert mal eben. Kaum haben die Jungs vom Guinness-Stand die letzten Fässer aufgestapelt, greift sich Saskia die Jungs und verdoppelt unsere Herde. Nun bestehen wir aus vier Damen und fünf Herren.

Die grossen Schafe vom Guinness-Stand sind frei nach Bernd das Brot “etwas kastig um die Hüften” und mindestens eines ist schon vom dunklen Gerstensaft deutlich angeheitert, aber gottlob harmlos. Habe ich da etwa ein weibliches Schaf etwas von “Hammel” murmeln hören? Nee, muss mich verhört haben.

So, jetzt aber mal den Wolf in den Schafspelz gesteckt..! Alle Schafe bekommen von ihrer Begleitung Hilfe beim Hineinschlüpfen, bis auf mich. Gaelnetkollegin Judith fotografiert lieber meine verzweifelte Zappelei im schwarzen Stretch-Pulli. Sie muss “dokumentieren”, höre ich sie sagen. Jaja.

Frisch umgezogen, oder besser gesagt “übergezogen”,marschieren wir zur “Münchner Freiheit”, dem Startpunkt der St. Patrick´s Day Parade. Die Reaktionen der anderen Passanten nehmen wir innerlich grinsend zur Kenntnis: Menschen bleiben stehen, drehen sich verschämt zum Kichern weg und Hundeaugen blitzen vor Hüte-Trieb. Sogar die Polizei erkennt uns voll als Schafe an und lässt uns vor dem Streifenwagen bei rot über die Ampel – wer sollte einer Herde Schafe schon böse sein?

Schaf Saskia und Gaelnet-Schaf Jo: Winken und Lächeln!

Am Start angekommen verzögert sich der Beginn noch etwas und wir vertreten uns noch ein wenig die Hufe, als wir einen Artgenossen entdecken – den Schotten Joe und seine Handpuppe, as Klon-Schaf Dolly. Dollys Herrchen ist der Comedian Joe Heinrich.

Er freut sich auch, uns zu sehen und grüsst – wir blöken und winken zurück, was das Zeug hält – den wartenden Zuschauern gefällt’s. Plötzlich geht ein Ruck durch die Gruppen vor uns – es geht los, die St. Patrick´s Day Parade München nimmt Fahrt, pardon, Marsch auf. Laut blökend ziehen wir los.

Die Leopoldstrasse ist heute gesperrt, dass die Irlandfans die unterschiedlichen Gruppen aus der Nähe bestaunen können. Von der Kinder-Tanzgruppe Rince Tír Na N’Óg über die schneidige Truppe der Claymore Pipes and Drums bis zu der südamerikanischen Tanzgruppe Ayni Bolivia ist alles dabei. Und mittendrin im Trubel laufen wir, die neun Schafe von der Tourism Ireland-Herde unmittelbar hinter den Walking Guinness Pints.

Unsere einschlägig vorbelasteten Schafe folgen den Walking Pints mit sehnsüchtigen Blicken, während wir anderen Schafe in die Menge winken und irisch zu wirken versuchen – bis plötzlich wieder eines unserer schwarzen Schafe skandiert: “L-Ä-C-H-E-L-N und W-I-N-K-E-N!!!!!” Wie soll man sich da nur ernsthaft in seine Schafsrolle versenken? Apropos Schafsrolle – die Kostüme, der schwarze Stretchpulli und der wollige weisse Pullunder erweisen sich an diesem Sonntag als prima regenfest und wir Schafe fühlen uns darin, äh, nun… pudelwohl.

Die Herde und eine kleine Tänzerin von "Rince Tir na Og"

Rund eine Stunde nach dem ersten Schritt laufen wir unter grossem Jubel und Geblöke auf dem Odeonsplatz ein. Meine Güte, das ging aber fix! So mittendrin statt nur dabei bemerkt man gar nicht, wie die Zeit vergeht und die Kilometer unter den Hufen dahingleiten.

Als die Herde schließlich wieder am Stand von Tourism Ireland ankommt, geht dann alles ganz schnell: Den Schafen wird das Fell über die Ohren gezogen und, schön zusammengelegt, wieder in Kartons verstaut.

“Huch…wer bin ich….und was?” Gerade haben mir noch die Irlandfans zugejubelt, nun gehen ihre Blicke wieder an mir vorbei. Alles nur ein Traum…? Identitätskrise?  Aber egal. Der Magen knurrt und es ist doch ziemlich kalt so ganz ohne Wolle. Jetzt schnell ein Pint und eine Tüte Fish and Chips holen.

Nachtrag: Besonders beeindruckt hat mich eines unserer weiblichen Schafe: Nicht genug damit, dass sie mit uns gratis für Irland Werbung lief – nein, aus privater Geldbörse und freiwillig verteilte dieser Hardcore-Irlandfan Lollis mit Schafmotiv an Kinder entlang der Strecke. Welches Land kann sonst noch solche Anhänger sein Eigen nennen?

Bildnachweis: Gaelnet.de / Thomas Brütting & Judith Strußenberg

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Ein Kommentar auf "Ein Schaf marschiert selten allein"

  1. Susi sagt:

    Super geschrieben Jo! Du warst auch ein ganz fabelhafter Schafkollege!
    Viele Grüße vom Veteranenschaf, das sich auch tierisch – also schafisch – über den privat gesponserten Lolli des anderen Veterenenschafs gefreut hat!

    Mäh!!

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