Ich habe mein Todesurteil unterschrieben

22. August 2012 | Von | Kategorie: Jetzt lesen

Für die Briten war er einfach nur ein Terrorist, in seiner Heimat Irland reicht sein Ansehen vom mythenumwobenen Nationalheld bis hin zum Verräter an der irischen Sache. Heute vor 90 Jahren starb mit Michael Collins der Mann, der sich die Befreiung Irlands von der britischen Herrschaft auf die Fahnen geschrieben hatte und dabei vor Gewalt und Terror nicht zurückschreckte.

Am 18. Oktober 1890 kam in Clonakilty in der südirischen Grafschaft Cork Micheál Ó Coileáin, Michael Collins, zur Welt. Der Jüngste in einer Reihe von acht Geschwistern zeigte schon bald großes Interesse an politischen Fragen und dem Wohlergehen seines Landes, wie sein damaliger Schulrektor Denis Lyons später erinnern würde. Nicht nur Geschick im Rechnen, sondern auch eine große Rastlosigkeit zeichnete den Jungen aus, der sich gerne im Gaelic Football oder beim Ringen mit seinen Altersgenossen maß.

Warmherzig, nachdenklich und großzügig soll Michael Collins gewesen sein, aber genauso unüberlegt, selbstsüchtig und von unnachgiebiger Härte gegen Unterlegene. Schon in der Schule kam er mit den Ideen der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Irish Republican Brotherhood (IRB) in Berührung, eines Geheimbunds, der sich für ein freies, unabhängiges Irland einsetzte und dies auch mit Waffengewalt durchsetzen wollte.

Weil es in seiner Heimat kaum Arbeit gab, zog der fast 16-jährige Michael Collins nach der Schule nach London zu seiner großen Schwester Johanna. Er arbeitete bei der staatlichen Post Office Savings Bank, als Börsenmakler und Sachbearbeiter. In diesen Jahren war seine neue Heimat kaum von Interesse für ihn, er war politisch aktiv und interessierte sich sehr für die Belange anderer irischer Emigranten.

So sammelte er beispielsweise Geld für die damals neugegründete Partei Sinn Féin, die ebenfalls die Unabhängigkeit Irlands anstrebte. Er hielt bei Versammlungen radikale Reden und wurde 1909 selbst Mitglied des IRB, zu dessen südenglischem Schatzmeister er auch bald wurde. In dieser Umgebung keimte in dem jungen Mann ein Gedanke, der ihn für den Rest seines Lebens leiten sollte: Der Kampf um ein unabhängiges Irland konnte nur auf eine Art geführt werden – mit der Waffe in der Hand.

Als die IRB an Ostern 1916 den Aufstand gegen die englische Besatzung plante und Irish Volunteers und Irish Citizen Army strategische Punkte in Dublin besetzten, diente Collins als Adjutant von Joseph Mary Plunkett. Den Aufstand wurde von den Briten blutig niedergeschlagen und Collins zusammen mit 1800 weiteren Kämpfern verhaftet.

Im Internierungslager Frongoch in Wales hatte er genügend Zeit zum Nachdenken über den missglückten Aufstand und zog den Schluss, dass nur eine Guerillataktik zum gewünschten Erfolg führen könne. Im Dezember 1916 wurde er entlassen und setzte sich nur umso verbissener für die irische Sache ein: Er wurde Mitglied der Sinn Féin, und stellte sich im Dezember 1918 als Sinn Féin Mitglied zur Wahl für das britischen Unterhaus. Collins wurde gewählt, nahm aber wie die anderen Kandidaten der Partei seinen Platz in London nicht ein. Statt dessen trafen sich am 7. Januar 1919 im Mansion House in Dublin 24 Sinn Féin Mitglieder und konstituierten sich als irisches Parlament, das von den Briten umgehend wieder verboten wurde.

Im Untergrund zeigte sich Collins’ strategisches Geschick. Während Eamon de Valera als Regierungschef nach diplomatischer Anerkennung – vor allem in den USA – strebte, formte Collins aus den Irish Volunteers eine schlagkräftige Guerilla-Armee, die in kleinsten Einheiten britische Militärs, Polizisten oder Geheimdienstler angriff. Möglich wurde das auch durch ein weitreichendes Spionagenetz, das Collins bis ins Herz der britischen Verwaltung, nach Dublin Castle ausdehnte. Die folgenschwerste Attacke der nun Irisch Republikanische Armee genannten Kämpfer war die Ermordung von 14 britischen Agenten der so genannten Cairo Gang, die nach Dublin entsandt worden waren, um Collins’ habhaft zu werden. Zu Vergeltung feuerten am Nachmittag desselben Tages britische Hilfstruppen in die Zuschauermenge eines Gaelic-Football-Matches und töteten 12 Menschen

Es zeigt sich, dass der Kampf für keine Seite zu gewinnen sein würde, und so wurde am 11. Juli 1921 ein Waffenstillstand geschlossen. Bezeichnenderweise sahen die Briten in Michael Collins den Führer des nationalen Widerstands und nicht den eigentlich zuständigen Eamon de Valera. Als versierter Politiker erkannte de Valera die beschränkten Verhandlungsmöglichkeiten und entsandte schließlich Collins zu den Verhandlungen des Anglo-Irischen Vertrags. Dieser unterschrieb am 6. Dezember 1921 den Vertrag, der die Gründung eines irischen Freistaats vorsah, mit einem eigenen Zwei-Kammer Parlament.

Damit war die Teilung Irlands faktisch vollzogen, denn die sechs nordirischen Countys traten umgehend aus dem Freistaat aus. Obwohl der Vertrag einem Großteil der Insel die Unabhängigkeit brachte, sahen ihn viele Republikaner als Verrat an der irischen Sache an, besonders den Dominion-Status, den Treueeid auf den britischen König und die Nutzungsrechte der Briten für mehrere irische Häfen schürten neue Wut. Dies wusste auch Michael Collins und so ist auch die überlieferte Episode nach der Vertragsunterzeichnung zu verstehen. Ein Mitglied der britischen Delegation, Lord Birkenhead, sagte zu Michael Collins, dass er womöglich sein politisches Todesurteil unterschrieben habe, woraufhin Collins erwiderte: „Ich habe womöglich mein tatsächliches Todesurteil unterschrieben.“

In einem Referendum stimmten die Iren für den Vertrag, doch die Hardcore-Verfechter der 1916 ausgerufenen Republik wollten dies nicht akzeptieren und nahmen nun ihrerseits den Kampf gegen den jungen Free State auf. In der neuen Regierung wurde er zunächst wieder Finanzminister, bis er am 12. Juli 1922 alle Regierungsaufgaben abgab, um sich als Oberbefehlshaber der Armee ganz dem Kampf gegen die Vertragsgegner zum widmen.

Auf einer Inspektionsreise – gewisse Quellen deuten an, Collins könnte persönliche Verhandlungen mit de Valera gesucht haben – geriet Michael Collins’ Konvoi am 22. August 1922 im Dorf Béal na mBláth in einen Hinterhalt. Anstatt in den Schutz eines gepanzerten Begelitfahrzeugs zu fliehen, ließ er sich auf ein Feuergefecht ein, das wenigstens eine halbe Stunde gedauert haben soll. Michael Collins war der einzige Mann, der im Zuge dieses Gefechts ums Leben kam. Von einer Kugel hinter dem rechten Ohr getroffen starb er 32-jährig und wurde am 28. August 1922 in der Stadt Glasnevin begraben.

Un den Tod des Oberbefehslhabers ranken sich bis heute teils wilde Theorien. Die bekannteste, aber nicht minder unbestätigte Variante ist die, dass Collins infolge eines Komplotts in den eigenen Reohen getötet wurde.

Liam Neeson spielt Michael Collins

Mitte der 1990er Jahre nahm sich der irische Regisseur Neil Jordan des Themas “Michael Collins” an und verfilmte das Leben des Politikers. Wohl auch dank des großen irischstämmigen Publikums in den USA konnte Jordan aus dem Vollen schöpfen und eine Starbesetzung präsentieren, von der andere Filme nur träumen können. Liam Neeson gab, wenn auch deutlich älter, den Rebellen und Widerstandskämpfer überzeugend, ihm zur Seite stand Julia Roberts in der Rolle der Collins-Verlobten Kitty Kiernan. Alan Rickmans Schauspielkunst kam bei der Darstellung des Eamon de Valera voll zur Geltung. Dazu kamen Stephen Rea und Aidan Quinn als Polizist Broy und Collins’ Freund Harry Boland
Jordans Film ist klassisches Hollywood-Kino und beschreibt die letzten sechs Jahre im Leben von Michael Collins, zwischen dem gescheiterten Osteraufstand von 1916 und Collins’ Tod in den Wirren des Bürgerkriegs. Der Film ist in mehreren Fällen, möglicherweise auch aus dramaturgischen Gründen, historisch ungenau. Nichtsdestotrotz ist es der Streifen wert, angesehen zu werden.

Michael Collins in der Literatur
Das Standardwerk zum Thema Michael Collins ist die Biographie aus der Feder des Journalisten und Autors Tim Pat Coogan. Coogan hat mehrere Bücher über die jüngere irische Geschichte verfasst, darunter auch eine Biographie von Collins’ Rivalen Eamon de Valera.
Tim Pat Coogan, “Michael Collins A Biography”, Arrow Verlag, 536 Seiten (englisch)

Eine weitere Biographie von Michael Collins stammt aus der Feder des irischen Historikers T. R. Dwyer. Im Gegensatz zu Coogans Werk ist dieses Buch auch auf Deutsch erschienen, mittlerweile allerdings vergriffen und nur noch über Spezialhändler zu beziehen.
T. R. Dwyer, “Michael Collins”, Unrast Verlag, 255 Seiten (deutsch)

Bildnachweis: wikipedia

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Ein Kommentar auf "Ich habe mein Todesurteil unterschrieben"

  1. Arminius sagt:

    Hi-Ho Folks,
    hallo Redaktion,
    besten Dank für diesen historischen Rückblick und somit an die Erinnerung an diesen Volkshelden.
    Den hier aufgeführten Film “Michael Collins” kann ich dem Irland-Interessierten nur ans Herz legen.

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