Zu geschockt für Fields of Athenry

30. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Jetzt lesen

Klaus Motznik im Aviva Stadion

Die Wunden sind geleckt, Trap ist (vorläufig) noch irischer Nationaltrainer und auch beim nächsten Spiel gilt wieder “Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten!” Doch vor zwei Wochen sah die Angelegenheit noch anders aus, als im Dubliner Aviva Stadion Irland und Deutschland im WM-Qualifikationsspiel aufeinander trafen. Gaelnet-Leser Klaus Motznik war live vor Ort, hier ist sein Bericht.

Schon Tage zuvor herrscht in Irland Vorfreude auf das WM-Qualifikationsspiel gegen den Favoriten Deutschland. Wo immer man hinkommt, spätestens im zweiten Satz lenken die Iren das Thema auf das runde Leder. Eindeutiger Tenor: wahrscheinlich verliert Irland, aber wenn es knapp ausgehe und die Mannschaft sich kämpferisch zeige, sei alles in Ordnung.

So äußert sich auch Sean, den wir auf einer Hochzeit in Sligo eine Woche vor dem großen Match treffen: „Keine Frage, Deutschland ist Favorit, wir werden defensiv spielen, schon allein wegen des Trainers, aber wenn wir es gut machen und nur knapp verlieren, dafür Deutschland alle anderen Spiele gewinnt, fahren wir gemeinsam nach Brasilien!“ Darauf kann man auf jeden Fall schon mal anstoßen.

Am Tag vor dem Spiel ist Dublin gefüllt mit Fußballanhängern – Deutsche wie Iren. Stress gibt es keinen, alle feiern friedlich gemeinsam in den Pubs. Am Spieltag liegen Spannung und Vorfreude überall spürbar in der Luft. Wir entscheiden uns für einen Abendspaziergang zum Avivastadion, dem modernen NAchfolger des legendären Landsdowne Road Stadium. Unterwegs treffen wir viele Fans, Abklatschen egal ob mit irischen oder deutschen Anhängern, die Stimmung ist locker, friedlich – die Rollen aus Sicht der Iren zu klar verteilt.

Sieht man bei uns bei einem Fußballspiel Hundertschaften der Polizei rund ums Stadion, hält sich die Garda hier spürbar zurück, Sicherheitskontrolle ebenfalls Fehlanzeige. Nur das Ticket unter den Barcode-Leser halten und rein ins Stadion. Unser erster Eindruck: ein schönes Stadion, auf drei Seiten Ränge bis unters Dach, nach Norden offen, großzügige Aufgänge, alles sehr modern.

Als schließlich die irischen Torhüter zum Warmmachen den Rasen betreten, g bt es einen erstenVorgeschmack auf das was uns erwartet, die Menge jubelt – obgleich das Stadion zu diesem Zeitpunkt noch relativ leer ist. Mehr Jubel brandet auf, als der Rest des Teams aufläuft, die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich – noch! Die ersten Minuten nach dem Anpfiff hält Irland gut mit, attackiert früh und hat gleich zu Beginn so etwas wie eine Chance. Die irischen Fans hinter uns sind noch verzückt ob des forschen Beginns, doch einer mahnt, dass wären ja erst 5 Minuten gewesen.

Ich erkläre mittlerweile der neben mir sitzenden Chelsea aus New York, welcher deutsche Akteur bei welchem Verein spielt und muss ihrem Mann Derek versichern, dass Dortmund nicht nur in einer Liga mit Bayern Munich spielt, sondern sogar aktueller deutscher Meister ist. „Swainstaiga, Budstüber, Muller and Kruz“ sind die Spieler, die er kennt… Reus hingegen kennen die Iren nach seiner angeblichen Schwalbe, für die er auch entsprechend ausgepfiffen wird – allerdings nur, bis er nur kurze Zeit später zum 0:1 trifft. Lange hat sich Irland gewehrt, doch die Schwächen in der Defensive bieten die Lücken, die das deutsche Angriffsspiel braucht.

Nach dem 0:2 – wieder durch Reus – pfeift keiner mehr. Irlands Keeper Westwood kann einem fast leid tun. Eigentlich hatte er kaum zu tun, trotzdem liegt sein Team mit zwei Treffern zurück. Hinter uns beginnen erste Diskussionen. Man habe ja noch eine Halbzeit, aber wenn der Trainer weiter so mutlos spielen lasse, werde man sich wohl darauf beschränken, das Ergebnis zu halten.

Im Netz! Özil trifft zum 0:3.

Chelsea und Derek verpflegen sich in der Halbzeit und verpassen so die Hälfte der Tore. Nach Özils verwandeltem Elfmeter zum 0:3 macht sich auf irischer Seite Ernüchterung breit. Die erhoffte knappe Niederlage oder vielleicht sogar der insgeheim erträumte Punkt rücken in immer weitere Ferne. Stattdessen wird munter über den Trainer diskutiert. Nach Kloses Treffer zum 0:4 verstummen die Anhänger der „Boys in Green“. Dafür macht sich der deutsche Block immer lauter bemerkbar und als Kroos schließlich nach 60 Minuten das 0:5 erzielt beginnen die ersten abzuwandern.

Auf die lautstarke Unterstützung durch „Fields of Athenry“ wartet man jedoch vergebens, zu geschockt sind die irischen Fans ob der Leistung, die ihre Mannschaft bietet. Nach dem 0:6 ebenfalls durch Toni Kroos können einem die Iren nun richtig leid tun. Gegen einen starken Gegner verletzungsgeschwächt angetreten und dann auch noch 6 Gegentreffer kassiert, das ist selbst für die leiderprobte irische Fußballseele zuviel. Reihenweise machen sich die Anhänger auf den Weg aus dem Stadion, um Ihren Frust und Kummer in den rund um das Stadion liegenden Pubs zu ertränken. Den Ehrentreffer durch den eingewechselten Keogh, der nach einer Ecke völlig frei einnicken konnte, den bekommen sie gar nicht mehr mit.

Wir diskutieren nach dem Schlusspfiff noch mit den irischen Fans hinter uns. Gegen Deutschland zu verlieren sei keine Schande, auch auf heimischen Boden nicht, aber die Art und Weise schon, was aber bei diesem Trainer kein Wunder sei und es wäre Zeit sich endlich von ihm zu trennen, so der Tenor. Viel zu teuer meint ein anderer, das könne sich der Verband nicht leisten, ihn zu entlassen. Aber man werde sehen. Wichtiger sei im Moment die Beratung, in welchen Pub man nun gehe.

Auf dme Heimweg ist die Stimmung auf den Strassen gedrückt aber friedlich. Die Leistung der deutschen Elf wird anerkannt, mehrfach werden wir beglückwünscht, mit der Hoffnung doch auch die anderen Gegner zu schlagen um Irland damit zu Platz 2 zu verhelfen. Die Pubs platzen aus allen Nähten, deutsche Fans feiern den Sieg gemeinsam mit Iren, die den Frust herunterspülen. Es wird lebhaft diskutiert ob Irland nun so schlecht, oder die deutsche Mannschaft so gut war, wie Trap versagt hat, ob er versagt hat und dass man die Verletzungsmisere nicht als Vorwand nehmen darf, dazu war die Leistung einfach zu schlecht.

Tim, den wir vor unserem Hotel treffen fasst es so zusammen: „Heute waren wir zu geschockt für Fields of Athenry“.

Tags: , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Achtung: Mit Abgabe eines Kommentars erkläre ich mich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und meine IP-Adresse ausschließlich zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden.
Ihre Daten werden dabei mit den Daten bekannter Spamversender abgeglichen und vier Tage gespeichert, eine weitere Verwendung ihrer Daten findet nicht statt.
Weitere Informationen zur Funktionsweise von Akismet und Widerrufsmöglichkeiten..