Willkommen auf der Fähre

7. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Tourismus

Wer vom europäischen Festland auf die grüne Insel reisen will, der hat im Wesentlichen zwei Alternativen. Er kann, so wie die meisten Touristen, auf stählernen Schwingen nach Dublin, Cork, Shannon oder Knock fliegen oder aber er bevorzugt die Anreise per Schiff, so wie Gaelnet-Redakteur Tom Brütting, der seit langer Zeit erstmals wieder, nicht nur der Nostalgie wegen, auf dem Seeweg nach Irland gereist ist.

Ich werde immer wieder belächelt, wenn ich sage, dass ich gerne mit dem eigenen Auto reise. “Fliegen geht doch schneller” oder “Das ist doch anstrengend” oder “Was das Sprit kostet” sind die Argumente, die ich zu hören bekomme. Stimmt, zumindest zum Teil, doch für mich gehört diese Anreise auch zum Urlaub. Zum einen fahre ich gerne Auto und wenn es ohne Zeitdruck geschieht empfinde ich das schon als erste Entspannung und zum zweiten gefällt mir auch der Gedanke “Der Weg ist das Ziel” ganz gut.

Man bekommt ein Gefühl für Distanzen, sieht die Regionen, die zwischen der Heimat und der Urlaubsdestination liege. Ich werde nie jenen frühen Morgen vergessen, als ich – ebenfalls auf dem Weg nach Irland – einen Abstecher durch die noch schlafende, morgendliche Champagne unternahm. Die Sonne war gerade am Aufgehen, aus nebligen Tälern zogen sich Weinberge auf die Hügel und zwischen Bäumen lagen vereinzelte Weingüter. Einfach schön.

Notlösung Fährüberfahrt

Ich gebe es zu, ich wäre damals auch gerne geflogen, doch ich war 20 und damit deutlich unter dem von irischen Autovermietern geforderten Mindestalter von 23. Also musste in der Heimat ein Vermieter gefunden und eine Fährpassage gebucht werden. 1600 stolze Mark waren damals für die Passage von Le Havre nach Rosslare zu berappen, zum Glück wurde der Betrag durch vier geteilt. Kabine gab’s keine, dafür wäre noch ein deutlicher Preisaufschlag fällig gewesen.

Umso größer war die Überraschung im Oktober, als ich kurfristig eine Passage bei Irish Ferries buchen musste. Eine Person mit PKW von Cherbourg nach Rosslare, eine Kabine dazu. Eine Außenkabine, Oberdeck. Der Preis für diese Überfahrt im Jahr 2012: 164 Euro. Auch im Schiffsverkehr hat der Preisdruck seine SPuren lassen, und das schlägt sich nicht nur im Preis nieder, dcoh dazu später mehr.

Meine am weitesten zurückliegenden Erinnerungen an Irish Ferries stammen aus dem Jahr 1991. Auf Abiturfahrt reisen wir mit dem Reisebus nach Irland, gingen in Le Havre an Bord der MS St. Kilian II. Diese 1974 in Jugoslawien gebaute Fähre war ein elegantes, langgezogenes Schiff, in grün und weiß lackiert, doch zum Zeitpunkt unserer Reise hatte der Zahn der Zeit schon kräftig an der St. Killian genagt.

Dicke Farbschichten auf so manchen Scharnier ließen Zweifel daran aufkommen, ob sich dieses im Falle eines (Not-)Falles noch hätte bewegen lassen und mancherorts waren Rostspuren unübersehbar. Trotzdem mochte ich die St. Kilian, die 2007 nach zwei zwischenzeitlichen Namenswechseln auf dem indischen Schiffsfriedhof Alang abgewrackt wurde, sie war quasi die fahrende Empfangshalle der grünen Insel.

Wenn man über die Rampe in den Schiffsbauch fuhr, wehte über einem die irische Trikolore und die Namen der Stewardessen, die die Passagiere in ihren Irish Ferries-Uniformen und mit einem freundlichen Lächeln begrüßten, waren so irisch wie nur irgend möglich. Eileen, Mairead, Sinead oder Bridget* standen bereit, wenn man nach dem Kinoprogramm fragte, die genaue Fahrzeit wissen wollte oder einfach nur den Weg zur eigenen Kabine nicht mehr fand.

Genau genommen waren alle an Bord freundlich – die Einweiser im Schiffsbauch, die Stewardessen wie auch das Personal in den Restaurants, dem Shop oder an der Bar. Man fühlte sich willkommen und irgendwie auch schon angekommen, auch wenn man die irische Küste erst rund 17 Stunden später langsam aus dem Dunst am Horizont auftauchen sehen sollte. Der Gruß und bis heute allgegenwärtige Tourismus-Slogan “Cead Mile Failte” schien hier Tagesbefehl zu sein.

Besser in Schuss

Mit knapp 27.000 Pferdestärken ging es vor knapp sechs Wochen wieder gen Irland, dieses Mal von Cherbourg aus. Die MS Oscar Wilde, ebenfalls ursprünglich aus Skandinavien stammend verkehrt heute zusammen mit Ihren Schwesterschiffen zwischen Irland, Frankreich und Wales. 1987 gebaut liegt sie also was das Alter betrifft ungefähr mit der St. Kilian zum Zeitpunkt meiner ersten Fahrt gleichauf.

Innen ähneln sich beide Schiffe, nur die Zahl der Restaurants ist größer, ich zähle vier oder fünf verschiedene Lokale vom Selbsbedienungs-Cafe bis hin zum Edel-Restaurant, dessen Preise mir das Blut in den Adern gefrieren lassen. An Deck bin ich jedoch angetan vom Unterschied zu meiner letzten Fahrt auf der Irland-Frankreich Route, denn trotz gleichen Alters, die Oscar Wilde wirkt besser in Schuss.

Die Rettungsboote an den Davits zu beiden Seiten der Oscar Wilde sehen gepflegt auch und auch die Seilrollen flößen Vertrauen ein, ebenso wie die an der Bordwand angebrachten Rettungsinseln. Keine Spur von dicker, verkrusteter Farbe. Roststellen, ja, die gibt es auch auf der Oscar Wilde, aber nichts, was dem Passagier die Sorgenfalten auf die Stirn treiben würde. Wobei – die an- und teilweise durchgerosteten Streben der Windabweiserwand könnten durchaus eine Ausbesserung vertragen.

Doch wo war nur die grün-weiß-orangfarbene Flagge, die damals so stolz über dem Schiff im Wind flatterte? Am Heck wehte dieses Mal keine Trikolore, stattdessen ein schwarzes Dreieck auf blau-gelb-blauem Grund. Die Oscar Wilde ist schon lange kein irisches Schiff mehr, sondern auf den Bahamas registriert und fährt infolgedessen unter der Flagge des Karibikstaates. Lediglich kurz vor der Ankunft im Zielhafen Rosslare wird an einem Funkmast über der Kommandobrücke eine verschämte, kleine irische Trikolore gehisst. Auch die restlichen Schiffe der Irish Ferries sind heutzutage übrigens ausgeflaggt, fahren unter der Flagge Zyperns.

Und auch die Besatzung scheint ausgeflaggt worden zu sein. Am Buffet im Restaurant stehen Pavel und Zoran, im Shop führt Vladimir die Aufsicht, die Drinks in der Bar serviert Vaclav und an der Rezeption stehen Milena und ihre Kolleginnen für die Passagiere bereit. Die Herren der Schöpfung haben ganz offensichtlich ihr monatliches Budget an Freundlichkeit und Lächeln bereits restlos aufgebraucht. Muffig sehen sie aus, als sie Burger, Gravy und Pommes auf den Teller schubsen. Doch die Damenriege an der Rezeption rettet die Ehre der Besatzung und zeigt den Passagieren bildlich gesprochen fleissig die Zähne und den rechten Weg durchs Schiff.

Während der Überfahrt verbringe ich viel Zeit an Deck, lasse mir den Wind um die Nase wehen, genieße das stundenlange Nichtstun. Stundenlang starre ich aufs Meer, immer in Fahrtrichtung, bis das Ziel pünktlich im Dunst am Horizont auftaucht. In Rosslare fahre ich vom Schiff und lasse diese letzten fast 19 Stunden noch einmal Revue passieren. Es war eine einwandfreie Fahrt, es gab eigentlich nichts auszusetzen, erst recht nicht zu diesem Preis. Und trotzdem – ich hätte auch mehr bezahlt für dieses….. ganz besondere Gefühl willkommen zu sein.

Bildnachweis: Gaelnet.de / Thomas Brütting

* alle Namen wurden beispielhaft gewählt.

Nachtrag: Die Veränderungen in der Personalstruktur von Irish Ferries haben in der irischen Arbeitswelt in den Jahren 2004 und 2005 für helle Aufregung gesorgt. Ein kurzer Abriss dazu findet sich im englischsprachigen Artikel der Wikipedia zu Irish Ferries.

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